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Kunstansatz pro (Selbst-)Begegnung – contra Zynismus

Edgar Leissing
Angela Rohde
Frank Christopher Schroeder
Raymond Unger
Ralf Scherfose
Uwe Fehrmann
Rolf Ohst
Kerstin Arnold
Heiko Tiemann

Konzeptkunst

Konzeptkunst

Bereits 1913 löste Marcel Duchamp mit dem ersten Readymade der Kunstgeschichte das Kunstwerk vom Kunstprozess ab. Er stellte ein industriell gefertigtes Urinal auf einen Sockel und erklärte es kurzerhand zu Kunst. Damit demonstrierte er, dass seine Auswahl das Urinal in ein künstlerisches Werk verwandelt hatte. Der geistig-intellektuelle Prozess stand damit erstmals über dem aktiv-kreativen Umsetzungsprozess von Kunst. Duchamp war zweifellos ein Visionär mit Humor. Er wollte bewusst provozieren und zwang mit seiner damaligen Skandalkunst den Rezipienten zu einer völlig neuen Kunstsicht. Im Prinzip demonstrierte Duchamp gegen eine tradierte Form des Kunstverständnisses, das er schon weit vor der Zeit der Konzeptkunstbewegung (zu Recht) als überkommen empfand.
Erst in den 1960er-Jahren war das gesellschaftliche Klima wirklich reif für Duchamps Ansätze. Die Polarisierung zwischen Kunst und Gesellschaft erreichte ihren vorläufigen Höhepunkt. Die akademische Kunst hatte ihre Ziele, Autonomie und Zweckfreiheit, weitestgehend erreicht. Der damit einhergehende Zusammenbruch des Dialogs mit der Gesellschaft wurde natürlich keineswegs als Verlust, sondern als Gewinn gefeiert. Denn wie ich gelernt hatte, gilt Selbstbezogenheit als hoher Wert in der Kunstwelt. Die Vorstellung dass Kunst nur dann „gute Kunst“ ist, je weniger sie gesellschaftlich verstanden oder anerkannt wird, erfüllte Konzeptkunst in hohem Maße. In ihrem Fluchtreflex vor der Gesellschaft und aus Angst, „verstanden“ zu werden, erkannte die Kunst schnell ihre beiden größten Feinde: Emotion und Intuition.

Emotion und Intuition funktionieren universell und am Intellekt vorbei. Kunstwerke, die sich leicht sinnlich-ästhetisch rezipieren lassen, erzeugen sehr schnell gesellschaftliche Resonanz. Und zwar ganz unabhängig von der Intention des Künstlers. Derartige Werke machen etwas mit dem Rezipienten – und der äußert sich auch prompt. Besser für den gewünschten Abstand zur Gesellschaft: Ratlosigkeit. Noch besser: totale Sprachlosigkeit. Und das leistet intellektuell verklausulierte Konzeptkunst wie kaum eine Kunstform zuvor. Die hohe Theoriebedürftigkeit konzeptueller Kunst führt bei normalen Menschen zu schweren Irritationen, denn ohne intellektuellen Schlüssel, Kenntnis und Bezugnahmen, ist Konzeptkunst nicht rezipierbar. Das Ausbleiben des ästhetisch-emotionalen Kunstgenusses führt dann regelmäßig zum (durchaus gewünschten) Ergebnis: Der Rezipient reagiert mit Trotz. Der normale Bürger bekundet dann, dass dies ja „gar keine Kunst ist“ oder man hört gar den Satz: „Das könnte ich auch“ ... Volksnahe Blödelbarden wie Mike Krüger sprechen der Mehrheit aus der Seele, wenn sie die Frage stellen: „Ist das Kunst? Oder kann das weg?“ Doch ein derartig volksnaher Zynismus löst bei den Urhebern eher Genugtuung als Zweifel aus. Aus Sicht der immer noch um Autonomie kämpfenden Kunst ist die Entwicklung von Konzeptkunst nur allzu logisch: Wenn Emotion die Hauptgefahr für eine Fortführung des gesellschaftlichen Dialoges ist, was liegt näher, als sich dem Antipol der Emotion zuzuwenden: dem Intellekt!
Und so machte die Konzeptbewegung endgültig Schluss mit romantischen Vorstellungen. Die Kunst nahm jetzt einen völlig anderen Lauf, als es die durchaus noch holistischen Kunstansätze der 1920er-, 1930er- und 1940er-Jahre vermuten ließ. Nach dem Krieg, spätestens Ende der 1960er-Jahre, ging es darum, jedwede Überkommenheit des 19. Jahrhunderts abzustreifen. Das Bürgertum war endgültig zum neuen Feind geworden und im Eifer des Reinigungsprozesses der 68er-Bewegung, wurde das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Alle holistischen Ansätze der 1920er- bis 1940er-Jahre wurden verworfen. Der ausschließlich denkende Konzeptkünstler negiert den vorsprachlichen Raum des Unbewussten, Intuitiven und Emotionalen. Die Konzeptkunstentwicklung begreift sich als besonders aufgeklärt und stellt eine Antithese zum Geniemodell des 19. Jahrhunderts dar. Der zeitgenössische Künstler sollte weder Avantgardist noch Enthusiast sein – ein numinoses, von Gott beseeltes Wesen, das gar „Erhabenes“ schafft. Der reformierte Künstler ist vielmehr ein liberaler Denker, Konstrukteur und Initiator.
„Die Ausführung des Kunstwerks ist von untergeordneter Bedeutung und muss nicht durch den Künstler selbst erfolgen. Im Vordergrund stehen Konzept und Idee, die an die Stelle fertiger Bilder und Skulpturen tritt. Ziel ist eine ‚Entmaterialisierung‘ des Kunstwerks. Es wird mit Kontexten, Bedeutungen und Assoziationen gearbeitet. [...] Dieser Ansatz lässt Konzeptkunst dem Laien oftmals als elitär, spröde und schwer zugänglich erscheinen.“ (Wikipedia, def. Konzeptkunst)
„Der Betrachter ist nicht mehr auf die bloße Wahrnehmung festgelegt, sondern sieht sich aufgefordert, die offene Form gemäß seinen eigenen Vorstellungen zu reflektieren. [...] Durch die Verwendung von Anleitungen wird der Rezipient dazu aufgefordert, das Kunstwerk zumindest mental zu generieren.“ (wissen.de, def. Conceptual Art)
Der Graben zwischen Kunst und Gesellschaft wird also nur unter einer einzigen Bedingung aufgehoben: Der Rezipient muss selbst zum Künstler werden. Konzeptkunst will aus Nicht-Künstlern Künstler machen – und dies ausgerechnet mit dem Werkzeug des Denkens. Mithilfe seines Intellektes soll der Rezipient das Werk nachvollziehen, weiterentwickeln, ausführen und verändern. Als Grundlage für diese Arbeit erhält er vom Künstler eine Bauanleitung – das Werk selbst existiert nicht oder nur noch fragmental. Dabei legt Konzeptkunst die Latte bewusst hoch, die Zeiten des schnellen emotionalen Kicks sind vorbei. Für heutige Kunst muss man schon etwas tun. Fast drängt sich die Parallele eines trotzigen Kindes auf: Die Eltern (Gesellschaft) müssen schon durch ihr Engagement beweisen, dass sie einer erneuten Zuwendung wert sind ...
Dabei haben die Bauanleitung eines Konzeptkünstlers und die Versuchsbeschreibung eines Wissenschaftlers viele Gemeinsamkeiten: Beide dienen zur Weitergabe einer These. Denn der Konzeptkünstler macht keine Aussage, vielmehr stellt er eine These zur allgemeinen Diskussion. Das ist die direkte Übertragung der wissenschaftlichen Methodik in die Kunst: Ein Grundgerüst wird als These formuliert und dann zur Analyse und Weiterentwicklung freigegeben.
„Derartige Kunst repräsentiert ein ‚System Kunst‘, das sich ähnlich dem ‚System Wissenschaft‘ im Laufe der Industrialisierung herausgebildet hat [...]  Ähnlich wie in der Wissenschaft erschließt sich das umfassende Verständnis der möglichen Bedeutungen von Werken und Arbeiten oft erst durch eingehende Beschäftigung mit dem künstlerischen Gegenstand.“ (Wikipedia, def. Konzeptkunst)
Vom heutigen Rezipienten wird also nicht weniger erwartet als von einem Wissenschaftler. Und genau das ist der Grund meines Unbehagens, das ich anfangs beschrieben habe: Wenn ich eine überintellektualisierte Arbeit betrachte, fühle ich mich in Bezug auf die Rezeption grundsätzlich im Minus. Der Künstler verweigert mir empathisch- intuitive Brücken, vielmehr hat er einen intellektuellen Vorsprung, den ich nacharbeiten muss. [Diesen Artikel weiterlesen in: Die Heldenreise des Künstlers]

© Raymond Unger

Zitat

"Die Inspiration mag eine Form des Überbewusstseins oder vielleicht eine des Unterbewusstseins sein. ­– Das weiß ich nicht. Aber ich bin sicher, dass sie die Antithese zum Egobewusstsein ist."


Aaron Copland

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