Remodernisten Logo

Kunstansatz pro (Selbst-)Begegnung – contra Zynismus

Kerstin Arnold
Angela Rohde
Rolf Ohst
Uwe Fehrmann
Ralf Scherfose
Edgar Leissing
Frank Christopher Schroeder
Raymond Unger
Heiko Tiemann

Interview Kunstverein Hof

["death in sesame street" | 140 x 180 | 2011]

"Die Wahrheit über Ernie und Bert ..."

Interview Raymond Unger im Rahmen der Ausstellung „Mea Culpa“ – Kunstverein Hof
Durch das Interview führte Ralf Sziegoleit mit Publikum am Sonntag, 14. April 2013, Galerie im Theresienstein

[Ralf Sziegoleit, Journalist und Kunstkritiker, war jahrelang Chef des Kulturressorts der Frankenpost. Für seine besonderen kulturellen und schriftstellerischen Leistungen wurde Sziegoleit 2008 mit der Johann-Christian-Reinhart-Plakette der Stadt Hof ausgezeichnet. Begrüßung der Gäste und Anmoderation durch die Vorsitzende des Kunstvereins, Annie Sziegoleit]

Ralf Sziegoleit: Wie bist Du zum Malen gekommen? Du hast ja, soweit ich weiß, nicht schon immer figurativ gemalt?

Raymond Unger: Das stimmt, ich habe ungefähr zwei Jahre abstrakt gemalt. Dann, wahrscheinlich beeinflusst durch meinen Onkel, der ein religiöser Kunstmaler war und der für das katholische Bibelwerk Kinderbibeln illustriert hat, wollte ich mich auch an der Figuration versuchen. Denn schon als Kind bin ich immer in seiner Werkstatt herumgelaufen. Ich hab dann also figurativ gemalt, ganz normal mit dem Pinsel. Irgendwann hab ich dann zaghaft angefangen den Spachtel einzusetzen, wie das ja viele Maler machen, wenn sie mal eine besondere Nuance setzen wollen. Doch ziemlich schnell fand ich das sehr gut. Der unkontrollierte, harte Farbauftrag mit dem Spachtel hat mich gereizt, sodass ich mir ab 2004 ein eigenes „Reinheitsgebot“ auferlegt habe. Und seither male ich nur noch mit dem Spachtel.

RS: Ja gut, aber jetzt passt das ja auch sehr gut zu den Inhalten, weil die Inhalte ja auch ein biss­chen brutal sind. Aber vorher waren die Inhalte bestimmt anders, oder?

RU: Eigentlich nicht wirklich. Also na ja, vielleicht war es früher etwas gemäßigter, aber es ging eigentlich schon immer in diese Richtung. Also schon immer haben mich Portraits interessiert, noch mehr als Figur. Und die hab ich auch mit dem Pinsel schon schnell und fett gemalt. Es ist nur so, dass der Pinsel eben immer noch, und dafür malt man ja mit dem Pinsel, Nuancierungen hat, Unterfarbe durchmischt beim Auftrag und so weiter – und all das geht beim Spachteln nur bedingt. Und eigentlich ist es eine grobe Behinderung. Also nur mit dem Spachtel zu malen, ist eigentlich schon nicht mehr nur Malerei.

RS: Ja, das ist vielleicht auch mehr für abstrakte Malerei geeignet?

RU: Ja. Es gibt dazu ganz tolle Filme über Gerhard Richter, wie er riesen Formate macht mit dem Gummispachtel. Ich selbst arbeite ja auch viel mit dem Gummispachtel, dabei merkt man wie unkontrollierbar der Farbauftrag eigentlich ist. Also, er zieht dann irgendwelche Spuren und sagt dann: Oh Mist, nix geworden, muss ich noch mal machen.

RS: Eben. Der tut sich ja leicht. Er kann ja sagen, da hab ich was gemacht, das gefällt mir nicht – versuch ich es eben noch mal. Und irgendwann gefällt es ihm und dann ist es fertig. Und das kannst Du ja nicht machen.

RU: Es sei denn, ich gebe mich mit einem so hohen Abstraktionsgrad zufrieden – das kann ja sein – dass es dann so abstrakt ist, dass man sagt, dann ist es jetzt eben kein Portrait mehr... Aber das schaff ich nicht!

RS: Zu den Inhalten, also Eros und Thanatos. Liebe, Sex und Tod sind ja klassische Themen in der Kunst. Aber meistens werden sie ja dezenter behandelt als auf Deinen Bildern. Auf Deinen Bildern ist ein satirischer Einschlag erkennbar. Man könnte sagen, Du treibst mit dem Entsetzen Scherz.

RU: Ja? So scherzhaft finde ich das gar nicht. Es ist teilweise auch sarkastisch, aber es ist durchaus auch selbstkonfrontativ. Es hat wirklich auch mit mir zu tun. Ich finde aber, das ist kein exotisches Kunstverständnis, es ist eigentlich ein klassisches Kunstverständnis. Früher war es ja mal so, dass Kunst ganz selbstverständlich als selbstkonfrontativ aufgefasst wurde.

RS: Ja, wir kommen noch auf den Remodernismus...

RU: Da wollte ich jetzt noch gar nicht hin! [lacht]

RS: Also – satirisch kann man aber schon sagen!

RU: Hm... Beruhigt Dich das? [Publikum lacht]

RS: Also, ich bin nicht beunruhigt – aber wenn ich jetzt auf dies da sehe... [zeigt auf „go bananas“]

RU: Was ist daran Satire? Das meine ich so... [scherzt] Nein, natürlich ist vieles Satire. Ich hoffe aber zumindest es sind keine Kalauer.

RS: Nein, nein, das will ich auch nicht sagen. Wenn man ins Kabarett geht, lacht man viel, es steckt viel Wahrheit drin – und so ist es hier auch. Du hast mir erzählt, das Familiäre spielt eine große Rolle in Deinen Bildern. Meiner Frau und mir hast Du erzählt, es gäbe da einen ganz persönlichen Hintergrund. Könntest Du dazu etwas sagen?

RU: Ja, zu den ganzen Bildern gibt es einen persönlichen Hintergrund. Also wenn ich ein selbstkonfrontativer Künstler bin und über mich etwas sondiere, dann sind alle Bilder mehr oder weniger persönlich – aber nicht so persönlich, das sie eben eins zu eins etwas persönlich Erlebtes darstellen. Also, das muss man ja immer dazu sagen. Ich male Dinge, die ich sondiere, aber nicht eins zu eins erlebt habe.

RS: Aber warum immer Familie? Du hast uns erzählt, Du bist in einer Familie aufgewachsen, in der manches ein bisschen strenger war als in anderen – um es mal vorsichtig auszudrücken.

RU: Ich kann das immer schwer beurteilen, wie das woanders war. Also in unserer Familie war das schon so, dass es eine sehr religiöse Familie war. Mein Onkel war, wie gesagt, ein religiöser Kunstmaler – und das war keine Satire. Der hat sich wirklich ernsthaft mit religiöser Symbolik befasst. Ich glaube, was mich als Kind beeinflusst hat, war der Widerspruch zwischen religiösem Anspruch und Lüge. Also dass ein gewisser Anspruch von den Erwachsenen zwar moralisiert im Raum stand – aber selbst nicht gehalten werden konnte. Und dieser Widerspruch ist, glaube ich, das Spannende oder das, was einen geprägt hat.

RS: Und der prägt ja fast jeden.

RU: Mehr oder weniger. Deshalb kann ich immer nicht beurteilen – ist das jetzt „besonders“ pathologisch gewesen? Zumindest hab ich jetzt in meinem Leben weder eine Gewalterfahrung gemacht, noch irgendwelche Übergriffe erlebt. Also es ist jetzt nicht so, dass ich aus irgendwelchen ganz furchtbaren Verhältnissen komme.

RS: Also, als ich das alles gelesen habe, hat‘s mich gegruselt und ich hab gedacht: Der Mann hat Schweres durchgemacht.

RU: Das wirkt vielleicht so, vor allem, wenn man die Postkarte liest, verdichtet mit diesem einen Satz der da drauf steht, mit „orthodox“ und „religiös“ geprägt. Da wirkt es so losgelöst. Aber ich weiß manchmal gar nicht, in wie weit das ganz Vielen so geht.

RS: Also alles halb so schlimm, nur Deine Bilder sind schlimmer!?

RU: ‚Halb so schlimm‘ sage ich nicht. Ich finde das ziemlich schlimm. Aber es ist weniger exklusiv, als man denkt, das meine ich.

RS: Also doch ganz normale Erfahrungen, die jeder macht, mehr oder weniger.

Frau aus dem Publikum: Vielleicht ist es schon so, dass jeder die Erfahrung machen kann zwischen Anspruch und Wirklichkeit, aber hier ist es doch auf einen religiösen Kontext zugespitzt?

RU: Genau. Also die Psychologen sagen ja, eigentlich sind klare, deutliche Moralrichtlinien gar nicht so schlimm, wenn sie kongruent gelebt werden. Also das, was Kinder total mitkriegen, ist diese Double-Bind-Situation: die Eltern predigen etwas oder es steht eine Forderung im Raum, die aber gelogen ist oder die Eltern können das selbst gar nicht mehr halten. Damit kriegen die Kinder zwei Signale auf zwei Ebenen und damit kann man nicht umgehen.

Mann aus dem Publikum: Also ist es schon eine Provokation gegen Religion?

RU: Ja ja, also gegen Orthodoxie in jeder Hinsicht – nicht gegen Spiritualität.

RS: Du hast kein Kunststudium. Aber Du hast eine psychologische bzw. therapeutische Ausbildung.

RU: Ja, ich habe meine Malerei mal unterbrochen für einige Jahre. Weil – ich habe früher ziemlich extrem gemalt und auch süchtig gemalt und dazu viel getrunken. Ich hab dann das ganze Ding mal unterbrochen und mich erst mal um meine Psyche gekümmert und dabei auch eine Ausbildung gemacht. Aber das war mehr so ein Einschub von sieben oder acht Jahren und dann hab ich um so mehr gemalt.

RS: Wann war denn dieser Einschub?

RU: Von 1991 – 1998, und seit 1998 dann wieder richtig gemalt. Da wusste ich dann auch, wie es notfalls ohne Rotwein geht.

RS: Toll. Und hat sich Deine Malerei dabei verändert?

RU: Ja. Sie ist besser geworden. [Publikum lacht]

RS: Manche schwören ja auf die Droge und sagen, dann wird’s besser!?

RU: Und es funktioniert ja auch! Bis zu einem gewissen Grad... Also wenn man wirklich expressiv werden will, sind bestimmte Drogen hilfreich.

Annie Sziegoleit: Auf Deiner Internetseite ist ein Video, das zeigt nur einen dunklen Wald, es liegt Schnee und Du läufst quasi mit Deinem Camcorder einfach diesen Weg in den dunklen Wald. Wir haben uns diesen Film angeschaut und gedacht, na, was malt er jetzt? Malt er jetzt Fichtenwälder, wo etwas hätte passieren können und es sind gar keine Menschen drauf? Oder hat Dich das einfach inspiriert?

RU: Das wird mir ja immer empfohlen – also Fichtenwälder zu malen! [Publikum lacht]

Frage aus dem Publikum: Warum?

RU: Na, das wäre sicher verkäuflicher! Nein... Also dieser Film ist nicht auf meiner Homepage zu sehen, sondern auf meinem privaten Facebook-Account. Das ist ein großer Unterschied. Und den würde ich nie als eine Arbeit bezeichnen und auf meine Homepage stellen. Ich habe einige Videos, die ich aus Spaß mache, aber nicht als Arbeiten bezeichne. Natürlich interessiert mich, dass das spooky ist und dass da jeden Moment jemand hinter dem Baum vorspringen könnte und so, weil mich das Dunkle und das Thema Angst interessiert. Also Angst ist ein riesen Thema für mich.

RS: Also wenn Dich das Thema Angst und Dunkelheit interessiert, musst Du unbedingt nächstes Jahr zu unserer Ausstellung von Matthias Otto kommen. Der malt nur schwarze Bilder. Wir haben einen Katalog da, vielleicht schaust Du mal rein. Da geht’s um die Angst natürlich.

RU: Sehr gern.

Annie Sziegoleit: Aber so viel Angst? Also Deine Aura umgibt keine Angst. Ich kann mir vorstellen, wie Du mit Deinem Motorrad einfach hier vorfährst und sagst: Angst? Na, jetzt hab ich eigentlich keine Angst. Aber viele Besucher der Ausstellung haben doch gesagt, also da gruselt‘s mich schon... Also man kann ja nicht in die Psyche eines Menschen hinein schauen, aber von der Erscheinung oder wie Du hier am Tisch sitzt, kann man es eigentlich nicht sagen. Also Du bist sicher keiner, der ängstlich ist.

RU: Ich glaube, das ist ein Klischee. Nur weil sich jemand bekennt und sagt, ich hab bestimmte Schwächen, Ängste oder Süchte, stellt man sich das immer extrem dramatisch vor, um das von sich weg zu halten. Man stellt es sich als Klischee vor: Also einer der Angst hat, sitzt da zitternd in der Ecke und einer der Süchte hat, lallt und liegt in der Ecke. Das sind alles Klischeevorstellungen, die, glaube ich, nicht viel mit der Realität zu tun haben. Also ich spreche von einer Angst, die ebenso wie dieses religiöse Thema jeden Zweiten betrifft. Das ist nichts Exklusives, wo sich jemand vor Angst nicht mehr rühren kann, sondern das ist die Urangst, die eigentlich jeder Mensch mehr oder weniger hat. Das ist der Kern meiner Arbeit.
Beuys hat ja mal gesagt: „Jeder Mensch ist ein Künstler.“ Dieser Satz wird ständig zitiert: Jeder ist ein Künstler, jeder ist ein Künstler... Als wenn es darum geht: Ja, jeder hat ein Talent oder jeder kann irgendwie malen oder so... Das hat Beuys so nie gemeint, und es ist ein falsches Zitat, weil es nur ein Halbsatz ist. Er hat vielmehr gesagt: „Jeder Mensch ist ein Künstler – wenn er die ständige Konfrontation mit seinem Ich riskiert.“ Das ist der klassische Kunstanspruch. Wenn ich mich wirklich auf Kreativität einlasse, im selbstkonfrontativen Sinne, bin ich wirklich mit meiner Angst konfrontiert. Was sich nun wirklich wie ein roter Faden durch die Arbeit von Beuys zieht, ist Verletzung. Seine größte Arbeit „Zeige deine Wunde – denn nur die Wunde die gezeigt wird, kann auch geheilt werden“ ist fast eine politische Aussage. Also dass wir alle irgendwie Ängste haben, die aber jeder vor den anderen geheim hält. Ängste vor Krankheit, Tod, Verlust, vielleicht ja auch Schwierigkeiten mit der Sexualität oder so – all diese Dinge sind so schambehaftet, dass sie jeder für sich verschließt. Und das klassische Kunstverständnis – und das von Beuys – war, dass der Künstler in dem Moment, wo er das alles zeigt, ein Angebot macht und eigentlich nur das zeigt, was jeder in sich trägt. Dabei ist gerade der exklusive Gedanke, dass etwa der Künstler ganz besonders pathologisch wäre, nur ein Schutzreflex der Gesellschaft. Also wenn man sich mit dieser Angst nicht auseinandersetzten will, dann kann man den Künstler überpathologisieren. Der Künstler als Patient – dann muss ich mich mit dem Werk gar nicht mehr auseinandersetzen und auch nicht mit meiner eigenen Angst. Aber wenn ich mich wirklich auf das Werk einlasse und ich gucke mir das mal ernsthaft an – dann bin ich natürlich auch bei meinen eigenen Ängsten. Dann ist man im Dialog mit diesen „Tabu-Themen“. Das ist die Ebene, auf der ich Kunst machen möchte – als Angebot.

RS: Also Du konfrontierst Dich mit Dir selbst und der Betrachter soll sich dann wiederum mit sich selbst konfrontieren?

RU: Das passiert ja unweigerlich. Und ich erlebe ja die verschiedenen Facetten der Reaktionen – meistens natürlich als Abwehr. Indem das, was da irgendwie gefühlt wird, sofort auf mich gespiegelt wird. Im Sinne von: Der hat aber ein Problem..., oh weia, der muss aber... usw. In dem Moment ist das keine Auseinandersetzung. In dem Moment spiegelt mir der Rezipient eigentlich nur, dass ich der Patient bin. Aber darüber hinaus gibt es natürlich Reaktionen, wo die Leute sagen, das toucht mich. Das sind dann die wenigen Sammler, die mich kaufen, die dann sagen, also das Bild musste ich immer wieder angucken, das lässt mich nicht mehr los, das muss ich haben. Da fängt dann die Auseinandersetzung an und die Identifikation.

RS: Davon gibt es hier keine in Hof. [scherzhaft, Publikum lacht]

RU: Schade!

RS: Es wollte keiner ein Bild haben.

Annie Sziegoleit: Doch! Es war einer vom Vorstand hier, der sagte, genau so empfinde ich mein Kindheitstrauma. Es geht um das Bild, das oben im Flur hängt, mit dem Hund und dem kleinen Mädchen. [love the beast] Aber seine Frau hat interveniert und gesagt, die Kasse ist leer.

RU: Schade.

RS: Aber sie wollte auch dieses Bild nicht.

Annie Sziegoleit: Stimmt, seine Frau hat gesagt: „Ich habe Angst vor diesem Bild.“

RU: Ja, aber wie spannend! Da ist ja schon ein Dialog zustande gekommen, also sich allein darüber auseinanderzusetzen, dass er das Bild will, sie aber nicht und warum. Das ist doch das, was Kunst auch leistet!

Annie Sziegoleit: Ja, es kamen auch Leute hier herein und sagten: „Das ist aber erotisch.“ Andere sagten: „Ach, wie witzig, schau mal: Ernie und Bert!“

RU: Das ist ja das Spannende, jeder verpackt das auf seine Weise.

RS: Ja, die Bilder sind auch nicht eindeutig.

Mann aus dem Publikum: Irritierend! Also Ernie und Bert, ha ha ha, und dann der Sensenmann daneben... Also das ist doch schon irgendwo starker Tobak.

RS: Also, man kann jetzt nicht sagen, der Maler will uns das und das damit sagen.

RU: Ein Glück. Ich hatte schon Sorge...  [scherzhaft]

RS: Also viele scheuen vor den Gemälden zurück. Ich würde sogar sagen, früher hätte es mal um solche Gemälde öffentliche Aufregung gegeben, womöglich wäre sogar der Staatsanwalt eingeschritten. Heutzutage geht das alles ohne Probleme über die Bühne. Hast Du schon mal größere Widerstande erlebt?

RU: Ja, ich hab schon heftige Sachen erlebt. Vieles sind aber einfach auch Missverständnisse. Ich war mal auf einer Messe mit den Bondage-Bildern, die da hinten in dem Raum hängen. Da hat sich eine Frauendelegation gebildet, die zu mir kamen und meinten, ich wäre gewaltverherrlichend, frauenverachtend und wahrscheinlich auch noch Nazi obendrein. Und es ist mir teilweise zu mühsam oder – das klingt jetzt arrogant – aber in dem Fall war es so, dass ich darauf verzichtet habe, denen eine Brücke zu bauen. Denen zu erklären, worum es wirklich geht, das zu übersetzen und zu sagen: ja, aber das ist doch alles gar nicht so gemeint, das ist psychologisch zu verstehen, gerade diese Bondage-Geschichten, ich bin da kein Fan oder so. Wie das funktioniert – ich hätte ja eine Rede halten können, hab ich aber nicht. Ich hab das einfach mal so genommen. Und das tat mir gut. Einfach nur zu sagen: Gut, jetzt haben Sie mir mal Ihre Meinung gesagt.

RS: Also diese Bondage-Bilder, die haben einen Titel: „Satori“. Kannte ich nicht, musste ich googeln. Und dann hab ich den Zusammenhang zwischen Bildtitel und Bild doch nicht erkannt.

RU: Eben. [Publikum lacht, dann Stille]
RU: Soll ich das jetzt erklären?

RS: Ja, bitte!

RU: Also: Satori kommt aus dem Zen-Buddhismus und heißt so viel wie: kurzfristige Erleuchtung. Oder wenn man es ein bisschen tiefer hängt, könnte man sagen: das Gefühl des Sich-wieder-ganz-Fühlens. Man fühlt sich wieder als Einheit, so wie man sich vorher vielleicht gespalten gefühlt hat. Und der Zusammenhang ist tatsächlich nur zu verstehen, wenn man sich psychologisch klar macht, wie eigentlich Gewalt oder besser die Inszenierung von Gewalt funktioniert. Also alles, was da drüben hängt, hat mit Gewalt zu tun. Mit Masken, Knebeln, Fesselungen usw. Das sind alles Symbole für eine selbst gewählte, inszenierte Einengung. Wo man sich wie in einem Spiel, in einem Theaterstück, bestimmte Dinge antut, in dem man sich fesselt und knebelt, man kriegt schlecht Luft, man kann sich nicht mehr bewegen usw... Und das wird ja von denen, die das machen, freiwillig gemacht. Das ist ja nun nicht so, dass die dazu gezwungen werden oder so. Es wird also freiwillig gemacht und es wird als lustvoll empfunden. Dabei ist die sexuelle Konnotation aber viel geringer, als man denkt. Es geht da gar nicht so sehr um Sex. Es geht vielmehr um das Wiedererleben eines Gefühls. Im Grunde ist diese ganze Bondage-Thematik eine Re-Inszenierung Inszenierung eines Kindheitsgefühls, als sich die Identität gebildet hat. Das ist eine klassische, psychologische Interpretation. Also wenn ich als Kind mein Leben als einengend erlebt habe, mich nicht bewegen konnte, also im übertragenen Sinne, dann kann ich das später als Theaterstück inszenieren und die Seele weiß wieder, wer sie ist. Da ist dann wieder ein Gefühl von: ja, so bin ich, so fühle ich mich ganz, da weiß ich wieder, wer ich bin.

RS: Ist das vergleichbar mit dem, wenn sich manche Menschen mit dem Messer schneiden, ist das vergleichbar?

RU: Das funktioniert anders. Da geht es um sich-spüren-wollen. Da ist so ein Graben zwischen sich-nicht-mehr-wahrnehmen, dass die Reize so grob sein müssen, um sich überhaupt wieder wahrzunehmen. Aber in einer inszenierten Behinderung steckt ganz viel Identitätsgefühl. Also in dem Sinne von: ja, so war ich schon immer – als der Gefesselte, Inszenierte, kaum Luft kriegende, mit einer Maske auf dem Kopf, bin ich wieder der, der ich schon als Kind war.

RS: Bin ich froh, dass ich frei davon bin! Aber ich danke Dir für diese Antwort, wunderbar.

Annie Sziegoleit: Es kam ein Besucher hier in die Ausstellung und sagte: Ach da schau her – meine Eltern! Er stand vor dem Bild, wo der Mann die Axt im Kopf hat und die Frau einen Pfeil im Kopf. [„parents“] Also es gibt durchaus auch ganz schnelle Berührungspunkte.

RS: Und jetzt würde ich schnell noch auf den Remodernismus kommen. Deine Bilder sind zwar aufregend, aber up to date sind sie eigentlich nicht. Man könnte sagen, dass Sandra Bambachs* Arbeiten moderner sind als Deine. [*Jung-Designerin Sandra Bambach aus Hof stellte parallel in einem der Räume aus.] Du bist nach eigener Aussage ein Remodernist und hast sogar eine Vereinigung gegründet, die sich dem Remodernismus verschrieben hat. Was muss man darunter verstehen?

RU: Die Vereinigung der Remodernisten ist nicht meine Erfindung, sondern ein Ableger einer englischen Künstlergruppe, den Stuckists. Und die gibt es sogar heute noch. Stuckist steht für „stecken geblieben“ oder „die Gestrigen“ und das sind klassische Maler, die sich um das Jahr 2000 in London gegründet haben, als gerade die Konzeptkunstwelle ihren Höhepunkt hatte. Saatchi, der größte englische Sammler, hat damals massiv Konzeptkunst unterstützt. Und die Maler hatten irgendwann die Nase voll und haben eine eigene Organisation gegründet, die Stuckists. Die Gruppe hat dann angefangen Konzeptkunst-Veranstaltungen zu stören, sie haben sich Clowns-Masken aufgesetzt und etwas randaliert. Die haben auf sich aufmerksam gemacht und dadurch die Malerei wieder ein bisschen nach oben gebracht. Und aus den Stuckists sind die Remodernisten hervor gegangen, die den Kunstansatz der Romantik und den Anfängen der Moderne wiederbeleben wollen. Damals ging es noch sehr um einen selbstkonfrontativen Kunstansatz. Es war damals klar, dass der Künstler etwas über sich selbst und die Welt erfahren will. All das wollen Remodernisten wieder beleben. Und das ist es schon.

RS: Ja, aber da ist noch sehr viel mehr. Du hast ein mehrere hundert Seiten umfassendes Manuskript fertig, in dem Du darstellst, was Dir an der aktuellen Kunst nicht gefällt. Dazu würde ich jetzt gern kurz etwas zu den Schwerpunkten hören.

RU: Nicht gefällt, kann man nicht sagen. Wenn man sich klar macht, was ich jetzt die ganze Zeit erzählt habe – über den selbstkonfrontativen Kunstansatz oder das, was Beuys wollte – wenn das der rote Faden ist, den ich gut finde, dann ergibt sich daraus natürlich eine Antithese. Wenn Kunst nur erdacht, konstruiert und eklektisch ist und sich nur innerhalb eines elitären Zirkels bewegt, dann findet ein Dialog auch nur in diesem kleinen Zirkel statt. Und ich glaube, dass meine Arbeit auf jeden Fall, auch wenn sie Abwehr erzeugt, mit der Gesellschaft leichter in einen Dialog tritt, als jetzt meinetwegen eine Konzeptkunst von Franz Erhard Walther, wo an der Wand ein roter Kasten hängt und alle sagen: Hm tja, ein roter Kasten..., das kann ich auch.

RS: Du könntest darüber noch viel mehr sprechen, Du hast ja hunderte Seiten damit gefüllt. Bestehen Aussichten, dass daraus ein Buch wird?

RU: Es ist schon ein Buch. Ich muss nur noch einen Verleger dafür finden... [lacht]

RS: Siehst Du die Aussichten dafür eher positiv oder negativ?

RU: Ich bin da sehr gespalten. Einerseits wird es ohnehin schwer sein, einen Verleger dafür zu finden. Ich meine, das wird für die meisten Leute nicht sehr interessant sein – es ist schon ein Buch für Künstler und dann noch für selbstkonfrontative Künstler. Das Thema dampft sich schon sehr zusammen.

RS: Ich denke aber schon, sehr viele Kunstinteressierte haben das Gefühl: Diese ganze Konzeptkunst verstehe ich nicht mehr. Und es wäre ihnen lieber, es würde mehr diese remodernistische Art von Kunst geben. Das glaube ich schon. [...]

Annie Sziegoleit: Gibt es noch Fragen aus dem Publikum?

Frau aus dem Publikum: [zeigt auf das Bild „blond“] Der Mops, ist der bewusst gewählt oder hätte das auch ein anderer Hund sein können?

RU: Der Mops ist schon bewusst gewählt, einfach weil der dem Zeitgeist entspricht, weil er ein Modehund ist.

Frau aus dem Publikum: Also wir haben ja gedacht, der steht in der Verbindung zu den Möpsen der Frau... [Publikum lacht laut]

RU: Ach, wie interessant! Das finde ich super. Also doch, jetzt sehe ich das auch...

Annie Sziegoleit: Also wir haben viele Besucher hier gehabt, die haben gesagt: Ach, der Hund! Ist der aber süß!

RU: Ja, die haben dann sicher gefragt, kann man den rausschneiden...?

Mann aus dem Publikum: [wendet sich an Ralf Sziegoleit] Also, Ralf, ich bin im Nachhinein etwas irritiert über Deine ersten Worte. Das Satirische und diese Ironie, die Du gesehen hast. Das hat mich nachträglich ziemlich gewundert, muss ich sagen, nachdem ich die Bilder ein wenig auf mich wirken ließ. Also nur weil da Ernie und Bert drauf sind, die ja nur das Indiz dafür sein können, was Du gesagt hast, kann man den Schluss nicht ziehen. Also ich hab das ja vorhin schon angedeutet, ich finde die Bilder überwiegend unglaublich irritierend, verstörend, erschreckend und tatsächlich geeignet zu der Konfrontation, über die Sie [deutet auf Unger] gesprochen haben. Deswegen – das liegt so weit auseinander, das, was ich wahrnehme und das, was Du angedeutet hast, dass ich mich nachträglich so wundere. Deshalb würde ich Dich bitten, noch mal zu erklären, warum Du meinst, was außerhalb dieser beiden Bilder eine so augenzwinkernde Ironie sein soll.

RS: Also, allein dieses Elternbild [„parents“] zum Beispiel, das würde ich schon als Satire ansehen. Das kann ich gar nicht anders.

Mann aus dem Publikum: Also dieser Kontrast dieser Motive da drin, das ist so was von hammerhart... [deutet auf „death in sesamestreet“]

RU: Die Ernie-und-Bert-Figuren stehen eigentlich auch nur symbolisch für „heile Kindheit“. Wenn man sich die Sesamstraße als Format anguckt, sind Ernie und Bert natürlich die Galionsfiguren. Ernie und Bert erklären den Kindern im Grunde genommen die Welt. Und die beiden Themen, die in der Sesamstraße garantiert nicht vorkommen werden, die Ernie und Bert erklären würden, sind Sexualität und Tod. Weil das Themen sind, von denen man meint, das man Kinder damit nicht konfrontieren dürfte. Und wenn man symbolhaft diese beiden Themen mit diesen Figuren kombiniert, dann entsteht natürlich ein unglaublicher Widerspruch.

RS: Ja, Ray, aber dazu muss ich doch sagen, an den Themen Tod und Sexualität kommt doch keiner in der Kindheit vorbei!

RU: Eben!

Zwischenruf: Ja! Und trotzdem wird es immer ausgespart!

RU: Ja, also das was erklärt wird, ist: nah und fern, groß und klein. Also die bizarrste Figur, die überhaupt vorkommt in der Sesamstraße, ist, glaube ich, Graf Zahl...

Zwischenruf: Hast Du als Kind immer die Sesamstraße geguckt?

RU: Nein, erst später, als ich älter war... [Publikum lacht]

[Es folgt eine Abmoderation und Danksagung durch die Vorsitzende des Kunstvereins Hof, Annie Sziegoleit. Im Anschluss Einzelgespräche mit dem Künstler. Die Ausstellung „Mea culpa“ zeigte 38 zum Teil großformatige Arbeiten von Raymond Unger. Die Werke waren vom 06. März bis 14. April 2013 im Kunstverein Hof zu sehen. Das hier wiedergegebene Gespräch fand zur Finnisage am letzten Tag der Ausstellung statt.]

Zitat

"Kunst dient der Erkenntnis, nicht der Unterhaltung, der Verklärung oder dem Spiel. Das Suchen nach dem eigenen Selbst ist der ewige, nie zu übersehende Weg, den wir gehen müssen."

Max Beckmann

Wer ist online

Aktuell sind 345 Gäste und keine Mitglieder online

Mitglieder Login