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Kunstansatz pro (Selbst-)Begegnung – contra Zynismus

Edgar Leissing
Uwe Fehrmann
Frank Christopher Schroeder
Kerstin Arnold
Angela Rohde
Heiko Tiemann
Raymond Unger
Rolf Ohst
Ralf Scherfose

Was sind Remodernisten?

„Der Remodernismus nimmt die ursprünglichen Prinzipien des Modernismus und bringt sie wieder zur Anwendung. Das Hauptaugenmerk liegt auf Vision anstelle von Formalismus.“

„Der Remodernismus schließt eher ein als aus. Er heißt Künstler willkommen, die sich selbst erkennen und finden wollen mithilfe künstlerischer Prozesse, welche danach streben zu verbinden und einzuschließen, anstatt sich zu entfremden und auszuschließen.“

„Der Modernismus hat sein Potential nie erfüllt. Es ist sinnlos 'post-' irgendetwas zu sein, wenn man noch einmal 'etwas' gewesen ist.“

(Zitate aus dem englischen Manifest der Remodernisten)

[Foto oben: Remodernisten-Treffen Berlin 2011; von links nach rechts: Prof. Matthias Koeppel, Sooki Koeppel, Raymond Unger, Rolf Ohst, Uwe Fehrmann, Sabine Kasan.]

Remodernisten bemühen sich um einen "ganzheitlichen" Kunstansatz. Doch jedes Plädoyer für mehr Ganzheitlichkeit wirft zunächst die Frage auf, was den "ganzen" Menschen eigentlich ausmacht ... Der remodernistische Ansatz unterstellt eine duale Natur des Menschen, danach ist dem Menschen eine animalisch-materielle, wie auch kulturell-spirituelle Wesensseite zu eigen. Der romantische Kunstansatz folgte stets dem Bemühen beiden Naturen gerecht zu werden. Ohne allzu tief in die Philosophie einzusteigen, müsste man sich also zunächst einmal darauf einigen, dass der Mensch ein intelligentes, analytisches, reflektierendes und denkendes Wesen ist. Und man müsste sich ebenso darauf einigen, dass der Mensch ein fühlendes, subjektives, irrationales und intuitives Wesen ist. Zudem wäre es hilfreich anzuerkennen, dass das Bewusstsein nur einen Bruchteil der menschlichen Psyche ausmacht. Kreative Ganzheitlichkeit bedeutet deshalb auch immer, ein Bemühen unbewusste Elemente und den eigenen Schatten zum Ausdruck zu bringen. Anders gesagt ist der ganzheitliche Kunstansatz immer um die Synthese diametraler Pole bemüht, die zu jedem Menschsein gehören. Demnach verfolgt ein kreativer Ganzheitsanspruch die Synthese von ...

... emotionalen und rationalen,
... bewussten und unbewussten,
... animalischen und kulturellen (spirituellen) Kräften.

Das Ziel großer Kunst war es immer, die Zwischenergebnisse dieser Synthesebemühungen zu dokumentieren und zu kommunizieren. Dieses romantische Kunstideal untersucht so das Verhältnis des Selbst zur Umwelt. Um herauszufinden was das Selbst eigentlich ausmacht, sind zunächst aber Erfahrungen mit obigen Dualitäten erforderlich. Erst wenn durch das Ringen mit Widersprüchen ein Gefühl für das Selbst entsteht, kann es in einen Bezug zur Welt gesetzt werden. Und ein Künstler, der diese Positionsbestimmung verweigert, kann sich schwerlich in Bezug zur Welt setzen. Verortung, Kontext und Bezugnahme von Kunst sind ohne Zweifel wichtig, allerdings erst dann, wenn man weiß, wer sich zu wem in Bezug setzt ... Was die wenigen Professoren wie Markus Lüpertz beklagen ist, das zeitgenössische Kunst die Selbstwerdung in der Regel überspringt. So bleibt ihre Aussage zwangsläufig eklektisch, ironisch und zynisch. Allenfalls taugen die Ergebnisse als kommerzielles Produkt, nicht aber als Beitrag zur (Selbst-)Erkenntnis. Da die Auseinandersetzung mit menschlicher Widersprüchlichkeit grundsätzlich schwierig und schmerzhaft ist, ist es allerdings ziemlich natürlich diesem Prozess auszuweichen. In der Regel geschieht dies, indem man einfach einen der Pole leugnet. Sich jedoch mit nur einem Pol zu identifizieren (z.B. dem Intellekt), bedeutet für die Kunstwelt immer das Ausbilden einer künstlerischen Karikatur.

Als grober Entwurf, hier zur Diskussion gestellt, dienen folgende Ansätze:

  1. Das Wesen des Menschen ist intellektuell UND emotional. Remodernistische Künstler streben danach, als ganzer Mensch Kunst zu machen. Deshalb steht idealerweise der konzeptionelle wie auch der intuitiv-emotionale Anteil eines Kunstwerks in einem ausgewogenen Verhältnis. 
  2. Die Überbetonung des Intellekts in der postmodernen Kunst (Konzept, Idee, Konstruktion und Zitate) begreifen wir als einen Irrweg. Sie macht Kunst elitär, emotional unzugänglich und blutleer.
  3. Wir befürworten eine emotional- sinnlich dekodierbare Kunst, die wieder einen breiteren Dialog mit der Gesellschaft führt. Hermetisch- intellektuell elitäre „Kunst-Insiderwitze“ lehnen wir ab.
  4. Im Leben wie in der Kunst gibt es prinzipiell zwei Herangehensweisen Prozesse zu bemeistern: Eine intuitiv- emotionale und eine rational- denkende. Im intuitiv- emotionalen Teil des künstlerischen Schaffensprozesses sieht sich der Künstler einer starken Selbstkonfrontation gegenüber. 
  5. Wie auch Joseph Beuys (Zit.: „Jeder Mensch ist kreativ und kann Künstler sein – wenn er die ständige Konfrontation mit dem eigenen Ich riskiert.“) erachten wir eine Selbstkonfrontation im künstlerischen Schaffensprozess als wünschenswert bis notwendig - andernfalls ist nur der rationale Teil des Künstlers beteiligt.
  6. In der postmodernen Gesellschaft allgemein wie in der Kunstwelt besteht die starke Tendenz einer Selbstkonfrontation (und damit Selbsterkenntnis) auszuweichen. Durch Kunstprozesse, die vorwiegend intellektuell, konstruierend und zitierend sind, schützt sich der Künstler vor Selbstkonfrontation und Emotion. Damit macht er sich auf einer persönlich- emotionalen Ebene unangreifbar und entzieht sich einem breiteren Dialog. Je konzeptioneller das Werk, desto wichtiger wird der intellektuelle Zugang für den Rezipienten.
  7. Remodernismus ist keine politische und keine religiöse Anschauung. Dennoch begreifen sich viele Remodernisten als Teil eines größeren, sinnvollen Ganzen. Wir verstehen unser Handeln als nicht beliebig, es hat Folgen und es ist in eine höhere Sinnhaftigkeit eingebettet. Der Sinn liegt in steigender (Selbst-)Bewusstheit und (Selbst-)Erkenntnis.
  8. Remodernisten verwerfen den Grundgedanken der Moderne und Romantik nicht, in dem der Künstler noch als „Enthusiast“ angesehen wurde. Bei dieser Vorstellung geht es um eine über die Person des Künstlers hinaus gehende Entität, die transpersonalen Charakter hat.
  9. Ohne eine transpersonale Energie näher definieren zu wollen, beschreiben viele Künstler eine im Schaffensprozess auftauchende Kraft (als eine unbewusst- intuitive Kompetenz), die über das Tagbewusstsein des Künstlers hinausreicht. Viele remodernistische Künstler sehen in diesem Zustand das eigentlich kreative Element ihrer Kunst.
  10. In säkularisierter Gesellschaft wie in der postmodernen Kunstwelt sind Geheimnis und Spiritualität verpönt. Selbstkonfrontativ arbeitende Künstler laufen in einer über- intellektualisierten Kunstwelt Gefahr, mit Unprofessionalität assoziiert zu werden. Gegen dieses Vorurteil sprechen wir uns aus.

 © Raymond Unger, September 2010

Wir geben nochmals zu bedenken, dass unsere Definitionen die remodernistische Grundidee lediglich skizzieren – der Prozess ist offen. Selbstverständlich erwarten wir von keinem Mitglied jeden einzelnen Punkt mit uns zu teilen. Interessant ist sicherlich auch das historische Manifest zur Gründung der englischen Remodernisten:

Remodernistisches Manifest | Billy Childish und Charles Thomson | 2000

Zitat

"Das Leben schwindet oder weitet sich aus im Verhältnis zu dem eigenen Mut."

Anais Nin

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