Remodernisten Logo

Kunstansatz pro (Selbst-)Begegnung – contra Zynismus

Frank Christopher Schroeder
Uwe Fehrmann
Edgar Leissing
Heiko Tiemann
Kerstin Arnold
Rolf Ohst
Ralf Scherfose
Angela Rohde
Raymond Unger

Stuckistisches Manifest

Einleitung:

Auch dieses Manifest ist in seinem historischen Zusammenhang zu verstehen. Der Höhepunkt der stuckistischen Bewegung ist vorüber. Das Manifest ist unverkennbar noch sehr vom persönlichen Konflikt der Gründer motiviert, es ist weltanschaulich und in Teilen eng bis dogmatisch formuliert. Ungeachtet dessen kommt Billy Childish und Charles Thomson der Verdient zu als erste Künstler die marktbeherrschende Konzeptkunst kritisiert zu haben. In der Folge (von 1999 - 2009) gründeten sich immerhin 207 stuckistische Gruppen weltweit.

Mit freundlicher Genehmigung von Charles Thompson, Quelle: www.stuckism.com (est. 1999)


Logo Stuckism

Gegen Konzeptualismus, Hedonismus und den Kult des Ego-Künstlers

1. Stuckismus ist das Streben nach Authentizität. Indem er/sie die Maske der Schlauheit ablegt und zu dem steht, was er/sie ist, gestattet sich der Stuckist unzensierten Ausdruck.

2. Malerei ist das Medium der Selbstentdeckung, sie nimmt die Person voll und ganz durch ihre Prozeßhaftigkeit, Emotionen, Gedanken und Visionen in Anspruch, indem sie diese in ihrer ganzen unversöhnlichen Breite und allen Einzelheiten offenlegt.

3. Stuckism schlägt ein holistisches Kunstmodell vor. Hier treffen sich das Bewußte und das Unbewußte, Gedanken und Gefühle, Spirituelles und Materielles, das Private und das Öffentliche. Modernismus ist eine Schule der Fragmentierung — ein Aspekt von Kunst wird isoliert und übertrieben dargestellt — zum Nachteil des Ganzen. Das ist eine grundlegende Verzerrung menschlicher Erfahrung und stellt eine egozentrische Lüge dar. Stuckismus ist keine weitere Bewegung innerhalb des Modernismus: Es ist die Entkräftung sämtlicher Ausgangsbedingungen dieser Periode. Stuckismus ist eine Bewegung humanitärer Ideen, Inhalte und Kommunikation.

4. Künstler, die nicht malen, sind keine Künstler.

5. Kunst, die nur in einer Galerie als Kunst erkannt werden kann, ist keine Kunst.

6. Der Stuckist malt Bilder, weil es auf das Bildermalen ankommt.

7. Den Stuckisten beeindrucken keine schillernden Preise, er ist vielmehr von ganzem Herzen in den Prozeß des Malens eingebunden. Erfolg für den Stuckisten ist, morgens aus dem Bett zu kommen und zu malen.

8. Der Stuckist hat die Pflicht seine/ihre Neurose und Unschuld zu erkunden, indem er Gemälde anfertigt, sie in der Öffentlichkeit ausstellt und auf diese Weise die Gesellschaft bereichert, indem er eine gemeinsame Form individueller Erfahrung und eine individuelle Form einer gemeinsamen Erfahrung verfügbar macht.

9. Der Stuckist ist kein Karrierekünstler sondern ein Amateur (amare, Latein, lieben), der auf der Leinwand Risiken eingeht, anstatt sich hinter Ready-Mades (z.B. toten Schafen) zu verstecken. Der Amateur, weit davon entfernt, dem Professionellen unterlegen zu sein, steht an vorderster Front beim Experimentieren, völlig unbelastet von der Notwendigkeit als unfehlbar zu gelten. Fortschritte im menschlichen Bestreben werden von unerschrockenen Individuen gemacht, weil diese keinen Status verteidigen müssen. Anders als der Professionelle, hat der Stuckist keine Angst zu versagen.

10. Malerei ist geheimnisvoll, sie schafft Welten innerhalb von Welten, sie gewährt Zugang zu unbekannten psychischen Wirklichkeiten, in denen wir leben. Die Ergebnisse unterscheiden sich radikal vom verwendeten Material. Ein existierendes Objekt (z.B. ein totes Schaf) versperrt den Zutritt zur inneren Welt und kann nur Teil der physischen Welt, in der es sich befindet, bleiben, sei das Moorland oder eine Galerie. Ready-Made ist eine Polemik des Materialismus.

11. Post-Modernismus hat sich durch seinen voreiligen Versuch, das Schlaue und Geistreiche in der modernen Kunst nachzuäffen, in eine Sackgasse der Idiotie verrannt. Was einmal ein tiefgründiger und provokanter Prozeß war (wie Dadaismus), hat einer banalen Schläue, was kommerzielle Verwertbarkeit betrifft, Platz gemacht. Der Stuckist fordert eine Kunst, in der alle Aspekte menschlicher Erfahrung lebendig sind, und die es wagt, ihre Ideen vermittelst ursprünglicher Farbstoffe zu kommunizieren, und die sich selbst möglichst als überhaupt nicht clever wahrnimmt.

12. Gegen den Chauvinismus der Britart und des Ego-Künstlers. Stuckismus ist eine internationale Nicht-Bewegung.

13. Stuckismus ist Anti-ªismus´. Stuckismus wird kein Ismus weil Stuckismus kein Stuckism ist. Er ist steckengeblieben!

14. Britart, unterstützt von Saatchi, dem mainstream Konservatismus und der Labour Regierung, zieht den Anspruch, subversiv oder Avantgarde zu sein, ins Lächerliche.

15. Das permanente Streben des Ego-Künstlers nach öffentlicher Anerkennung führt zur ständigen Angst vor Versagen. Der Stuckist riskiert willentlich und mit Bedacht das eigene Versagen, indem er/sie es wagt, seine/ihre Ideen in Malerei umzusetzen. Während die Angst des Ego-Künstlers vor Versagen einen latenten Selbstekel hervorruft, erlebt der Stuckist durch seine Fehlschläge einenProzeß der Vertiefung, der zur Einsicht in die Sinnlosigkeit allen Strebens führt. Der Stuckist strebt nicht — was bedeutet dem, der man ist, oder wo man ist, auszuweichen —, sondern der Stuckist fühlt sich dem Moment verpflichtet.

16. Der Stuckist hat es aufgegeben, mühselige Spielchen mit Neuheit, Schock und Kinkerlitzchen zu spielen. Der Stuckist blickt weder rückwärts noch vorwärts, sondern ist mit dem Studium der menschlichen Verfassung beschäftigt. Die Stuckisten verfechten Prozeßhaftigkeit gegen Cleverness, Realismus gegen Abstraktion, Inhalt gegen Leere, Humor gegen Geistreichtum und Malerei gegen Selbstgefälligkeit.

17. Wenn es der Wunsch des Concept-Künstlers ist, immer clever zu sein, dann ist es die Pflicht des Stuckisten, immer falsch zu liegen.

18. Der Stuckist lehnt die Sterilität des Weiße-Wände-Galerien-Systems ab und fordert Ausstellungen in Wohnungen und moderigen Museen, die Zugang zu Sofas, Tischen, Stühlen und Tee erlauben. Die Umgebung, in der Kunst erlebt (nicht nur betrachtet) wird, darf nicht künstlich und nichtssagend sein.

19. Verbrechen durch Erziehung: Statt den Fortschritt im persönlichen Ausdruck durch angemessene Kunstprozesse zu fördern und so die Gesellschaft zu bereichern, ist das Kunsthochschulsystem zu einer glatten Bürokratie verkommen, deren oberste Motivation eine finanzielle ist. Die Stuckisten fordern eine offene Zulassungspolitik zu allen Kunsthochschulen, die sich an der Arbeit des/der Einzelnen orientierten, unabhängig von Schulbildung, oder dem Fehlen derselben. Wir fordern außerdem, daß ab sofort mit der Strategie reiche und untalentierte Studenten von zu Hause und aus dem Ausland an die Kunsthochschulen zu locken, Schluß gemacht wird. Wir verlangen darüber hinaus, daß alle Hochschulgebäude der Erwachsenenbildung und der Freizeitbeschäftigung der einheimischen Bevölkerung in den jeweiligen Einzugsgebieten zugänglich gemacht werden. Wenn eine Schule oder eine Hochschule nicht in der Lage ist, der Gemeinde in der sie zu Gast ist, Nutzen zu bringen, dann hat sie kein Recht geduldet zu werden. Wir verlangen hiermit das Recht, kreativer Möglichkeiten für alle!

20. Stuckismus umfaßt alles, was er ablehnt. Wir lehnen nur ab, was am Endpunkt endet — Stuckismus fängt am Endpunkt an!

Billy Childish, Charles Thomson

Die folgenden Künstler wurden dem Untersuchungsausschuß zur Aufnahme als Ehrenmitglieder der Stuckisten vorgeschlagen: Katsushika Hokusai, Utagawa Hiroshige, Vincent van Gogh, Edvard Munch, Karl Schmidt-Rotluff, Max Beckmann, Kurt Schwitters.

Zitat

"Das Unbewusste will Wahrheit. Es hört auf, zu denen zu sprechen, die etwas anderes dringlicher wollen als Wahrheit."

Adrienne Rich

Wer ist online

Aktuell sind 36 Gäste und keine Mitglieder online

Mitglieder Login