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Kunstansatz pro (Selbst-)Begegnung – contra Zynismus

Edgar Leissing
Kerstin Arnold
Uwe Fehrmann
Angela Rohde
Frank Christopher Schroeder
Rolf Ohst
Ralf Scherfose
Heiko Tiemann
Raymond Unger

Der Graben

Verwissenschaftlichung von Kunst

Je tiefer ich in die etablierte Kunstwelt eintauchte, desto häufiger fiel mir ein wohlvertrauter Duktus auf, mit dem ich gerade hier nicht gerechnet hatte. Eigentlich kannte ich diesen Duktus von anderem Terrain, nämlich aus der Psychologie und der Medizin. Mit Kunst verband ich eher das Gegenteil von Wissenschaftlichkeit, nämlich Subjektivität, Intuition und Sinnlichkeit. Ich hatte mich offensichtlich getäuscht und später glaubte ich auch den Grund dafür auszumachen: Die akademische Kunstwelt schien ganz erhebliche Komplexe gegenüber den Naturwissenschaften zu haben. Oft kam es mir so vor, als wolle die akademische Kunst mit ihrer Mimikry der wissenschaftlichen Methodik (Bezugnahme, Systematisierung, Katalogisierung etc.) ihre Schmerzen bezüglich des Daseins als Stiefkind aller akademischen Disziplinen lindern.

Die klassischen Wissenschaften hatten sich ja lange vor der Kunst von ihren Fesseln befreit. Die Wissenschaften wurden damit objektiv. Zumindest dachte man das eine Zeitlang ... Denn die Beruhigung, endlich eine „objektive“ Wissenschaft im Kontrast zu den ehemals mystischen Wurzeln zu haben, währte nicht allzu lange. Bereits in den Zwanzigerjahren des letzten Jahrhunderts war Schluss mit dieser Ruhe. Denn die Quantenphysik zeigte schonungslos, dass die Subjekt-Objekt-Trennung illusionär ist:
„Die Quantentheorie lässt keine völlig objektive Beschreibung der Natur mehr zu. [...] Wir können nicht beobachten, ohne das zu beobachtende Phänomen zu stören, und die Quanteneffekte, die sich am Beobachtungsmittel auswirken, führen von selbst zu einer Unbestimmtheit in dem zu beobachtenden Phänomen.“ (Werner Heisenberg in „Physik und Philosophie“)
Die zeitgenössische Wissenschaft ist seither sehr kleinlaut geworden bezüglich ihrer Aussagen über die „objektive Wirklichkeit“. Was Quantenphysiker begannen, wird heute selbstverständlich von Biologen und Neurowissenschaftlern fortgeführt. Unter der Schirmherrschaft des Dalai Lama tauschen sich moderne Wissenschaftler mit Mystikern und Mönchen aus. Zeitgenössische Wissenschaft ist bereits ein großes Stück holistisch. Doch im Gegensatz dazu imitiert akademische Kunst in weiten Teilen noch das überholte, materialistische Wissenschaftsmodell. Dasselbe veraltete Modell wurde auch von der Gesellschaft nahezu vollständig adaptiert. Natürlich wird in einer säkularisierten Gesellschaft der Druck auf eine immer noch mystische, intuitive oder gar spirituelle Kunst immer größer. Und so paradox es auch klingt: Obwohl sich die Kunst von der Gesellschaft emanzipieren wollte, erlag sie doch dem Druck allgemeiner Intellektualisierung. Auch sie wollte sich entmystifizieren, auch sie wollte Anerkennung – vor allem in akademischer Gesellschaft. Dass zeitgenössische Kunst im Bemühen um Anerkennung ausgerechnet eine (pseudo-)objektivistische Wissenschaft modelliert, ist etwas absurd. Denn Kunst lebte von jeher von ihrer Relativität und Subjektivität.
Das veraltete, Newton‘sche Wissenschaftsmodell brauchte selbstverständlich kausales, analytisches Denken, das sich ständig mit der Vergangenheit abgleicht. Wie sehr Kunst eben diese Wissenschaft imitiert, ist offensichtlich: Bei jeder akademischen Kunstbetrachtung dominieren Kontext, Verortung und Zitate. Dies ist eine derartige Selbstverständlichkeit, dass sich die meisten Menschen im Kunstbetrieb fragen, ja was denn auch sonst? Was wäre sonst zur Kunst zu sagen? Wir haben uns so daran gewöhnt, zu lesen, diese Arbeit ist beeinflusst von ..., mit einer Prise ..., und der Künstler zitiert ..., dass uns gar nicht mehr auffällt, dass es eine vollkommen andere Herangehensweise geben könnte. Welche? Nun, man könnte zum Beispiel beschreiben, was man rein subjektiv beim Kunstbetrachten fühlt.
Vor mir liegt gerade eine ältere Monopol-Ausgabe. Selbst populäre Kunstmagazine wie Monopol oder art, die eigentlich für eine breite Leserschaft konzipiert werden, geben einen guten Eindruck über den wissenschaftlich-bemühten Sprachduktus der Kunstwelt. In einem Artikel, den ich gerade las, habe ich mal alle Eigennamen markiert, die für das Verständnis des Artikels notwendig sind. In dem Artikel „Können vor Lachen“ (Ben Lewis, Monopol 2/2009) geht es eigentlich nur um die These, ob der New Yorker Maler George Condo ein Francis Bacon der Neuzeit ist. Schon die Prämisse des Artikels ist ein Verortungsversuch bzw. ein Vergleich. Ich wäre an Condos Stelle nicht sehr begeistert, ungeachtet der Größe Bacons. Wie dem auch sei, um diese prinzipiell recht simple Aussage zu stützen, braucht der Autor Lewis in seinem kurzen Artikel nicht weniger als 37 Eigennamen aus Kunst und Kultur. Es sind dies der Reihe nach: Velázquez, Giuseppe Arcimboldo, Fragonard, Francis Bacon, Frans Hals, Walt Disney, Hieronymus Bosch, Andy Warhol, Campbell, Richard Price, Henry Moore, Jean-Michel Basquiat, Keith Haring, Jiri Georg Dokoupil, Walter Dahn, Albert Oehlen, Martin Kippenberger, Monika Sprüth, Barbara Gladstone, Pat Hearn, William Tell, Rubens, John Currin, Sean Landers, Eli Broad, Goya, Cennino Cennini, William S. Burroughs, Pontormo, Parmigianino, Vija Celmins, Gerhard Richter, Lehman, Damien Hirst, Hank Paulson, Hillary Clinton, Monica Lewinski ... Dabei ist ja klar: Jeden dieser Eigennamen, insbesondere die zitierten Künstler, muss man kennen, damit die Bezugnahme auf diese Person überhaupt Sinn macht und man so der Argumentation des Artikels folgen kann. Andernfalls hat hier nur der Autor Spaß. Dabei könnte die Malerei Condos kaum sinnlicher sein. Es handelt sich um großartige und überaus starke Werke – vorausgesetzt, man erstickt den Betrachter nicht unter einem Schwall von Verortungen.
Die Tendenz, akademische Kunst zunächst mit Verortungen zu umbauen, bevor überhaupt vom subjektiven Erleben gesprochen werden darf, erinnert mich an eine Geschichte, die sich kürzlich in meinem Bekanntenkreis zugetragen hat. Als mein Freund Markus seine neue Freundin Karin (eine bildende Künstlerin mit akademischem Background) kennenlernte, kam es gleich zu Beginn der Beziehung zu folgender Irritation: Markus, ein normaler Mensch außerhalb der Kunstszene, wollte eigentlich ein Lob platzieren. Er begreife die Werke von Karin als hervorragenden Spiegel ihrer Seele – und dies sei sicher noch ausbaubar. Was nun folgte, wunderte Markus sehr, denn Karin war keineswegs begeistert. Mühsam erklärte sie Markus, dass dies für eine professionelle Künstlerin keineswegs ein Lob sei, sondern eher ein Problem darstelle. Und natürlich fand sie es sehr bedenklich, dass ihre Arbeiten diese Wirkung auf ihn hatten. Karin resümierte, dass ihr Werk offensichtlich zu unakademisch war, um erfolgreich sein zu können. Und ihre einzige Antwort lautete: Mehr Konzept ...
Anfangs stellte ich mir oft die Frage, warum sich viele akademische Künstler davor scheuten, Emotion und Selbstkonfrontation als Begründung für ihr Schaffen anzugeben (denn für mich waren das ja ganz selbstverständliche Motive). Doch selbst wenn dies so offensichtlich zutraf wie für Karin, so waren akademische Künstler immer bemüht, ihre Motive mit Konzeption und kunsthistorischen Verortungen abzusichern. Warum nur? Eine Antwort habe ich bereits gegeben: Emotionen stellen schnell Nähe (zur Gesellschaft) her. Zudem ist während der immerhin 50-jährigen postmodernen Autonomisierung ein unverrückbarer Glaubenssatz entstanden. Und dieser Satz liegt wie ein eisernes Gesetz über allen, die professionell am Marktgeschehen teilhaben. Er lautet: Ein lediglich emotional und/oder spirituell begründetes Kunstwerk ist nicht professionell.
Kunst „aus dem Bauch heraus“ zu machen, reicht keineswegs aus. Der Unterschied zwischen Profis und Laienkünstlern liegt keineswegs in der Qualität der Arbeiten. Er liegt viel mehr in der Fähigkeit die Arbeit zu vermitteln. Erst Bezugnahme, Verortung und Begründung machen Kunst zur Kunst – so die akademische Denkweise. Und ein Künstler, der nicht gelernt hat, seine Arbeit zu begründen und zu verorten, hat im professionellen Kunstbetrieb ziemlich schlechte Karten. Auf professionellem Parkett ist der fragende, selbstkonfrontative Künstler dem recherchierenden, systematischen Künstler deshalb immer unterlegen. Darum sind selbstkonfrontative Künstler im professionellen Kunstbetrieb auch kaum noch zu finden, es sei denn, sie haben zusätzlich gelernt, ihren Ansatz zu intellektualisieren. Wer dies verweigert, landet allzu schnell in einem Topf mit: Kirchenkunst, anthroposophischer Kunst, esoterischer Kunst, Selbsterfahrungskunst, Volkshochschulkunst, therapeutischer Kunst, Kunsthandwerk, Outsiderkunst ...  [Diesen Artikel weiterlesen in: Die Heldenreise des Künstlers]

© Raymond Unger

Zitat

„Jeder Mensch ist kreativ und kann Künstler sein – wenn er die ständige Konfrontation mit dem eigenen Ich riskiert.“


Joseph Beuys

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