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Kunstansatz pro (Selbst-)Begegnung – contra Zynismus

Edgar Leissing
Angela Rohde
Heiko Tiemann
Ralf Scherfose
Uwe Fehrmann
Raymond Unger
Kerstin Arnold
Rolf Ohst
Frank Christopher Schroeder

Stuckismus – Remodernismus

Seit der Jahrtausendwende gibt es Künstlergruppen, die wieder an die Ideale der Moderne und Romantik anknüpfen wollen. Es ist kein Wunder, dass sich der Kern der Protestbewegung gegen den alles beherrschenden Konzeptkunst-Hype der 1990er Jahre ausgerechnet in London etablierte. Um das Jahr 2000 beherrschte die neue Konzeptwelle um die „Young British Artists“ (YBAs) die Szene. Die YBAs waren vor allem Konzeptkünstler aus dem berühmten Goldsmiths College, die das Glück hatten vom weltgrößten Sammler und Kunsthändler Charles Saatchi gesammelt und gefördert zu werden. Berühmte Namen wie Damien Hirst, Tracy Emin oder Marc Quinn sind auch heute ein Begriff.

Tracy Emins populärstes Werk „My Bed“ war 1999 in die Turner-Prize-Ausstellung zu sehen und zeigt Emins ungemachtes Bett mit benutzten Präservativen und blutverschmierten Unterhosen. Zu dieser Zeit war Emin mit dem Londoner Maler Billy Childish zusammen.

Natürlich kam es, wie es kommen musste, wenn eine Konzeptkünstlerin und ein Maler zusammen sind: In einem (heute legendären) Streit schrie Tracy Emin ihren ehemaligen Freund an: „Your paintings are stuck, you are stuck! Stuck! Stuck! Stuck!“(Deine Gemälde sind stecken geblieben, Du bist stecken geblieben!)

Denn Childish, der sich bis heute die Verbohrtheit leistet, Bilder zu malen, war natürlich nach Ansicht der Konzeptkünstlerin Emin völlig von gestern. Der spätere Erfolg schien Emin recht zu geben, die Erfolgswelle von (Skandal-)Konzeptkunst Ende der neunziger Jahre spülte auch sie ganz nach oben und heute sind ihre Werke in der Londoner Tate-Gallery zu bestaunen.

Billy Childish dagegen machte aus der Beschimpfung „stecken geblieben“ eine neue Kunstbewegung für Maler: Die „Stuckisten“ waren geboren. Gemeinsam mit Charles Thomson, Joe Machine und 13 weiteren Künstlern (darunter Sexton Ming, Ella Guru, Wolf Howard, Eamon Everall, Bill Lewis, Frances Castle, Philip Absolon) drehte er den Spieß gegen die alles beherrschende Konzeptkunst um – und das ziemlich erfolgreich. Im Jahr 2000 formulierten Billy Childish und Charles Thomson das erste „Stuckistische Manifest“, hier ein kleiner Auszug:

§ 3: Stuckismus schlägt ein holistisches Kunstmodell vor. Hier treffen sich das Bewusste und das Unbewusste, Gedanken und Gefühle, Spirituelles und Materielles, das Private und das Öffentliche. Modernismus ist eine Schule der Fragmentierung – ein Aspekt von Kunst wird isoliert und übertrieben dargestellt – zum Nachteil des Ganzen. Das ist eine grundlegende Verzerrung menschlicher Erfahrung und stellt eine egozentrische Lüge dar. Stuckismus ist keine weitere Bewegung innerhalb des Modernismus: Es ist die Entkräftung sämtlicher Ausgangsbedingungen dieser Periode. Stuckismus ist eine Bewegung humanitärer Ideen, Inhalte und Kommunikation.

§ 9: Der Stuckist ist kein Karrierekünstler sondern ein Amateur (amare, lat. = lieben), der auf der Leinwand Risiken eingeht, anstatt sich hinter Ready-Mades (z.B. toten Schafen) zu verstecken. Der Amateur, weit davon entfernt, dem Professionellen unterlegen zu sein, steht an vorderster Front beim Experimentieren, völlig unbelastet von der Not­wendigkeit als unfehlbar zu gelten. Fortschritte im menschlichen Bestreben werden von unerschrockenen Individuen gemacht, weil diese keinen Status verteidigen müssen. Anders als der Professionelle, hat der Stuckist keine Angst zu versagen.

 § 11: Post-Modernismus hat sich durch seinen voreiligen Versuch, das Schlaue und Geistreiche in der modernen Kunst nachzuäffen, in eine Sackgasse der Idiotie verrannt. Was einmal ein tiefgründiger und provokanter Prozess war (wie Dadaismus), hat einer banalen Schläue, was kommerzielle Verwertbarkeit betrifft, Platz gemacht. Der Stuckist fordert eine Kunst, in der alle Aspekte menschlicher Erfahrung lebendig sind, und die es wagt, ihre Ideen vermittelst ursprünglicher Farbstoffe zu kommunizieren, und die sich selbst möglichst als überhaupt nicht clever wahrnimmt. (Stuckistisches Manifest; Billy Childish, Charles Thomson, London 2000)

Die Thesen der Stuckisten stießen in der damals stark über­intellektualisierten Londoner Kunstszene auf einige Resonanz. Viele Maler schlossen sich der neuen Künstler-Gruppe an. Als Gegenkraft zur Konzept­­welle von Saatchi und Co erzielte die Bewegung in London einiges Auf­sehen. Humorvolle Aktionen der Mitglieder erreichten schnell mediale Präsenz. Mitglieder erschienen beispielsweise in Clown-Kostümierung zu namhaften Openings, riefen mit eigener Jury den „Real Turner Prize“ aus (erster Preisträger Joe Machine) oder führten den Vorsitzenden des echten Turner-Prize und Direktor der Tate Gallery, Sir Nicholas Serota, vor. In der Folge schaffen es die Stuckisten den Fokus der Londoner Kunstszene wieder verstärkt auf Malerei zu lenken und einige Stuckisten verkaufen sich bis heute. Erst kürzlich wurde Billy Childish sogar im deutschen Kunstmagazin „Monopol“ vorgestellt.

Die ursprünglich nur für Maler gegründete Stuckist-Szene wurde schnell größer. Ableger stuckistischer Malergruppen gründeten sich in anderen Ländern, so auch in Deutschland. Doch nach einiger Zeit der Euphorie wurde es wieder ruhiger um die Stuckisten. Es wurde deutlich, dass das erste Stuckistische Manifest zu persönlich motiviert und ausgrenzend war. Beispielsweise enthielt es den infantilen Passus, dass nur Maler „wahre Künstler“ seien und noch weitere unreife Positionen. Und obwohl viele Künstler eine Alternative zur vorherrschenden Britart-Arroganz suchten, war ihnen das stuckistische Manifest doch zu eng gefasst. Zudem begann die Bewegung in England durch etliche Trittbrettfahrer und Pseudokünstler zu verwässern und die etablierte Kunstszene hatte es zunehmend leicht, Stuckisten pauschal als Dilettanten zu diffamieren. Auch der von Mary von Stockhausen nach Deutschland geholte Deutsche Zweig der Stuckisten (Stuckist Center Germany in Lewenhagen) löste sich gegen 2007/08 auf.

Zitat aus Wikipedia:

"Obwohl ursprünglich als Bewegung für neue figurative Malerei gegründet, ist der Stuckismus heute eine Vereinigung von Künstlern unterschiedlichster Betätigungsfelder und Stilrichtungen - es gibt mittlerweile 207 Gruppen in 48 Ländern, darunter Schriftsteller, Fotografen, Bildhauer und Filmemacher.

Stuckismus in Deutschland

Im Jahr 2000 wurden drei Ausstellungen der englischen Stuckisten in Köln, Leipzig und Freiburg im Breisgau gezeigt.

Die deutschen Stuckisten setzten sich zusammen aus den Malern Peter Klint, Andreas Torneberg, Frank Christopher Schröder, Meral Ismail, Mary von Stockhausen, Juliane Eckhardt, Zubin Zainal, Ronnie Zimmermann, Denise Reichenbach, Arjopa, Wesna Wilson und Olaf Scherken, dem Fotografen Christian Malsch und der Bildhauerin Jutta Hoffmann Kleinlein. Weitere deutsche und internationale Künstler beteiligen sich sporadisch an Ausstellungen der Stuckisten.

Peter Klint, Mary von Stockhausen und Frank Christopher Schröder beteiligten sich an internationalen Ausstellungen und Demonstrationen der Stuckisten in Großbritannien und den USA.

Die deutsche Gruppe organisierte die Ausstellungsreihe STUCKOMENTA mit internationalen Gastkünstlern, die 2006 in Hamburg und Löwenhagen, sowie 2007 in München Station machte." Die deutschen Stuckisten lösten sich im Sommer 2007 auf und gründeten sich wenige Wochen danach als „Konglomerat“ neu. Im Sommer 2008 löste sich auch das Konglomerat auf."

Zitat Wikipedia Ende

Neugründung der Remodernisten

 

[Teilnehmer des von Mary von Stockhausen ausgerichteten Symposiums für Remodernismus - Juli 2010 Gut Lewenhagen (Foto Christian Malsch)]

Bereits zu Beginn der stuckistischen Bewegung, am 1.3.2000, formulierten Billy Childish und Charles Thomson zusätzlich zum stuckistischen das erste remodernistische Manifest. Dieses Manifest ist weniger eng gefasst und legt den Schwerpunkt noch mehr auf Aspekte der Selbstkonfrontation und Spiritualität in der Kunst:

"Remodernismus nimmt die ursprünglichen Prinzipien des Modernismus und bringt sie wieder zur Anwendung. Das Hauptaugenmerk liegt auf Vision anstelle von Formalismus. Der Remodernismus schließt eher ein als aus. Er heißt Künstler willkommen, die sich selbst erkennen und finden wollen mithilfe künstlerischer Prozesse, welche danach streben zu verbinden und einzuschließen, anstatt sich zu entfremden und auszuschließen. Der Remodernismus erhält die spirituelle Vision der Gründerväter des Modernismus aufrecht und respektiert den Mut und die Integrität, mit der sie sich den Leiden der menschlichen Seele gestellt haben und diese mit einer neuen Kunst zum Ausdruck gebracht haben, einer Kunst, die keinem religiösen oder politischen Dogma mehr unterlag und die danach strebte, dem ganzen Spektrum der menschlichen Psyche Ausdruck zu verleihen."

Joe Machine (Joseph Stokes), Mitbegründer und Stuckist erster Stunde, gründet im Sommer 2010 die Nachfolgebewegung der Stuckisten: „The Institute of Collective Remodernism“ (ICR) in England. Stokes erweiterter Ansatz des Collective Remodernismus, unterstreicht dabei die kollektiv- analytischen Aspekte im Kunstprozess, die auf die Lehre von C. G. Jung zurückgehen. Ebenfalls Mitglied der englischen Gruppe wird die Deutsche Künstlerin und Ex-Stuckistin Mary von Stockhausen. Im Juli 2010 richtet Mary von Stockhausen auf ihrem Gut Lewenhagen das erste Symposium für Remodernismus des ICR aus. Auf dem Symposium macht Mary von Stockhausen Joe Machine mit Raymond Unger, dem Gründer des Deutschen Forums für Remodernismus, bekannt.

 

Joe Machine (links) und Raymond Unger auf dem Symposium für Remodernismus auf Gut Löwenhagen

 

Übersicht der Manifeste:

Definitionen des Forums für Remodernismus | Raymond Unger | 2010

Remodernistisches Manifest | Billy Childish und Charles Thomson | 2000

Stuckistisches Manifest | Billy Childish und Charles Thomson | 1999

Zitat

"Der Verstand kann uns sagen, was wir unterlassen sollen. Aber das Herz kann uns sagen, was wir tun müssen."

Joseph Joubert

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