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Kunstansatz pro (Selbst-)Begegnung – contra Zynismus

Frank Christopher Schroeder
Rolf Ohst
Raymond Unger
Uwe Fehrmann
Ralf Scherfose
Kerstin Arnold
Edgar Leissing
Heiko Tiemann
Angela Rohde

Intellektuelle Kunst

„Intellektualisierung steht für die Überbetonung des Verstandesmäßigen bei einem Menschen. Dabei werden Emotionen und Gefühle auf die Logik reduziert. Psychologisch wird das Verhalten damit erklärt, dass die Person durch abstraktes Denken bzw. Generalisierung emotionale Konflikte kontrollieren oder minimieren will. Der Therapeut John Bradshaw schreibt: ‚Durch Generalisieren und Universalisieren sorgt man dafür, dass die Kategorien so weit und abstrakt gefasst sind, dass man den Kontakt zur konkreten, sinnlich erfahrbaren Wirklichkeit verliert.‘“ (Wikipedia)
Um den ersten „Vorteil“ rein theoretischer Kunst besser zu verstehen, möchte ich zunächst einen kreativen Zustand vorstellen, den eigentlich jeder Künstler ersehnt: Den Flow. Der Forscher Mihály Csíkszentmihályi, ein Wissenschaftler ungarischer Herkunft, gilt als Koryphäe für diesen Zustand:

„Flow (engl. fließen, rinnen, strömen) bezeichnet das Gefühl der völligen Vertiefung und Aufgehens in einer Tätigkeit, auf Deutsch in etwa Schaffens- oder Tätigkeitsrausch, Funktionslust.“ (Wikipedia, def. Flow)
Bereits 1975 beschrieb Csíkszentmihályi die Bedingungen für den Flow-Zustand. Neben dem subjektiven Erleben von hoher Konzentration, Zeitlosigkeit, Mühe- und Sorglosigkeit während des Flow-Zustands, beschrieb der Forscher auch zwei wesentliche Bedingungen für das Flow-Erlebnis:
Die Tätigkeit hat ihre Zielsetzung bei sich selbst.
Die Aktivität hat eine unmittelbare Rückmeldung für den Handelnden.
Zunächst fand ich es interessant, dass eine Bedingung für Flow im Selbstzweck liegt. Das heißt, die Motivation für die Handlung sollte nicht berechnend im Außen liegen, um etwas zu erreichen (z. B. weil man sich eine Belohnung oder anderweitige Vorteile erhofft). Förderlich für Flow-Zustände ist eine Motivation für die Sache selbst, sie liegt in der Erlebnislust des Prozesses, einfach weil die Tätigkeit Spaß macht oder weil man etwas dabei lernen kann.
Noch interessanter erschien mir die zweite Bedingung für das Flow-Erlebnis: Der Prozess hat eine Rückmeldung, eine Art  Feedback-Schleife, die ein anvisiertes Ziel entscheidend verändern kann. Es wurde mir klar, dass mit dieser Bedingung tatsächlich eine aktive Tätigkeit gemeint ist – und kein mentaler Prozess. Zum anderen wurde deutlich, dass sich nicht alle aktiven Tätigkeiten gleichermaßen gut für das Flow-Erleben eignen. Begünstigend scheinen Prozesse mit einer gewissen Unschärfe zu sein. Denn nur bei Techniken mit einem gewissen Maß an Kontrollverlust kann auch mit überraschenden Rückmeldungen gerechnet werden. Ist eine Technik zu starr und ausgereift, kann dies für das Flow-Erleben eher hinderlich sein. Weiterhin ist auch eine gewisse Ergebnisoffenheit im Prozess entscheidend, denn hat der Handelnde eine zu starke Zielfixierung, wird er neue Informationen im Feedback eher als Störung denn als Chance wahrnehmen. (Ich komme gleich darauf zurück, wenn ich den Handwerker-Künstler beschreibe.)
Unabhängig von den Feedbackschleifen aktiver, kreativer Prozesse, ist jedoch unbestreitbar, dass es offensichtlich rein mentale kreative Prozess gibt. Dies führte mich zu einem sehr alten Streit in der Kunstwelt, nämlich zwischen den Befürwortern der Konzeption und den Befürwortern des Prozesses.  Konzeptionisten setzen auf den mentalen Prozess, die spätere, aktive Ausführung interessiert sie nicht mehr sonderlich. Diese könnte auch durch einen Handwerker, Assistenten oder Schüler erfolgen. Den Prozessbefürworten ist dagegen zu viel Konzeption suspekt. Sie empfinden zu viel Vorplanung als Korsett, das sie im aktiven, kreativen Prozess nur beengen und behindern würde. Natürlich kamen mir bei diesen Überlegungen gleich Malerkollegen in den Sinn, denn auch in der Malerei gibt es die Vertreter beider Richtungen.
Ein Fotorealist, aber auch ein konkreter Maler, ist bemüht, eine Konzeption (Farbkomposition, realistisches Sujet, Fotovorlage) handwerklich so genau wie möglich umzusetzen. Die Werke dieser Maler sind „gut“ oder „gelungen“, je mehr sie den Vorgaben (Foto, Realität etc.) entsprechen. Der informelle Maler ist die Antithese dazu – er setzt voll auf den Prozess. Denn erst im Prozess erhält er die erforderlichen Rückmeldungen zu immer neuen Handlungsaufträgen und es wäre ihm gänzlich unmöglich, vorherzusagen, wie das Werk am Ende des Prozesses aussehen wird. Das Werk des informellen Malers hat vielleicht nur einen minimal mental generierten kreativen Quotienten, denn sein Werk wird zu 90 Prozent aus einem aktiven Prozess heraus generiert. Dieses Verhältnis kann bei konzeptuellen Malern nahezu umgekehrt sein. Diese Beispiele machen deutlich, dass Kunstwerke grundsätzlich sehr unterschiedliche Anteile von mentaler oder prozesshafter Kreativität haben können. Grundsätzlich gilt: Extreme genießen immer Schutz. Reibung und Konflikt entstehen immer in einer Grauzone, die anerkennt, dass der Mensch Handelnder und Denkender zugleich ist. Um beim Beispiel Malerei zu bleiben: Persönlich fasziniert mich eine Malerei, die versucht, beiden Aspekten gerecht zu werden. Als expressiver Realist konzipiere ich Sujets und habe durchaus technische Vorgaben zu erfüllen (wie Figur, Perspektive etc.). Andererseits lassen mein dynamischer Farbauftrag und Duktus sehr viel Raum für Unwägbarkeiten und Kontrollverluste. Und genau hier lauern Konflikt und Scheitern – zugleich aber auch die große Chance zum Flow …
Kreativität von vornherein auf mentaler Ebene zu belassen, schließt auf jeden Fall schon mal ein sehr großes Konfliktpotenzial aus. Dies kommt dem intellektuellen Künstler mit seinem starken Bedürfnis nach Kontrolle natürlich entgegen. Doch die „Vorteile“ intellektueller Kunst sind noch weit umfassender. Der zweite Aspekt, Kunst vorwiegend denkend zu erschaffen, ist wahrscheinlich ein noch effektiverer Schutz, als die bloße Vermeidung von Handwerk, denn: Denken und Fühlen schließen sich aus ...
Der Trick geht so: Der kreative Prozess ist ein Kampf zwischen Zensor (Über-Ich) und Emotion (Es oder Kindheits-Ich). Und dieser Kampf findet natürlich gar nicht erst statt, wenn der Künstler vorsichtshalber nur in einer einzigen Instanz bleibt, vorzugsweise des Über-Ich. Sie erinnern sich an den Trick zwischen Uptime und Downtime? Es war der Trick, nicht ins Fühlen zu kommen, wenn wir nur immerzu unsere Sinne kitzeln. Doch derselbe Vorgang passiert auch, wenn wir immerzu nachdenken. Denn Emotion und Ratio sind, wie C. G. Jung es sehr treffend beschrieb, mit einer Wippe vergleichbar. In beiden Repräsentanzen gleichzeitig zu sein, ist so gut wie unmöglich.
Also: Immer wenn wir intensiv denken, fühlen wir uns nicht. Umgekehrt gilt aber auch: Immer wenn wir intensiv fühlen, können wir nicht mehr richtig denken. (Das kennt wohl jeder, der schon einmal richtig verliebt war ...) Dabei kann man tatsächlich denksüchtig werden. Denn immer wenn ich intensiv denke, erkläre, argumentiere, verorte, konstruiere und relativiere – kann ich mich nicht fühlen. Oder, um das Bild der inneren Anteile zu benutzen: Wenn ich mich vollständig mit dem rationalen Eltern-Ich identifiziere, werde ich mein emotionales inneres Kind nicht mehr wahrnehmen. Und so gibt es intellektuelle Menschen, die ihren Zustand für so normal halten, dass ihnen der Konflikt Emotion vs. Ratio überhaupt nicht bewusst ist. Sie haben das Fühlen über die Jahre völlig verlernt und sind im Denken und Bewerten derart ausgebildet, dass sie kaum mehr mitbekommen, dass ihnen jegliche Sinnlichkeit abhanden gekommen ist. Für Kreativität gilt: Künstler, die vorwiegend konzeptuelle, distanzierte, konstruierte, intellektuelle und erdachte Kunst machen, haben den Konflikt der Retraumatisierung im kreativen Prozess nicht. Der intellektuelle Künstler schlägt so gleich zwei Fliegen mit einer Klappe. Zum einen kann er es sich im Widerstand vor seiner Heldenreise recht gemütlich einrichten, wenn er möchte, lebenslang. Zum anderen wird er dafür vom postmodernen Kunstsystem belohnt. [Diesen Artikel weiterlesen in: Die Heldenreise des Künstlers]

© Raymond Unger

Zitat

"Wenn man dem Pinsel freien Lauf lässt, wird er einen zu dem führen, was man selbst nicht tun konnte."

Robert Motherwell

 

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