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Kunstansatz pro (Selbst-)Begegnung – contra Zynismus

Raymond Unger
Heiko Tiemann
Frank Christopher Schroeder
Rolf Ohst
Angela Rohde
Uwe Fehrmann
Ralf Scherfose
Edgar Leissing
Kerstin Arnold

Kunst und Handwerk

Ein kreativer Prozess, der auf einer mentalen Idee basiert und sich dann einem aktiven Umsetzungsprozess stellt, führt sehr häufig zu einem Konflikt mit dem Ego. Um die Brüskierung des Egos zu verstehen, ist es hilfreich, sich einmal anzusehen, wie Handwerk funktioniert: Jeder Handwerker benutzt zunächst einmal ein mentales Modell, das er anvisieren kann. Auf dem Weg zum Ergebnis gleicht er dann temporäre Zwischenergebnisse mit seiner Zielvorgabe ab und modelliert sie, bis das Zielmodell (annähernd) erreicht ist. Will ein Schreiner einen Tisch bauen, macht er sich zunächst eine Maßzeichnung dieses Tisches, dann bearbeitet er das Holz so lange, bis es dieser Maßzeichnung entspricht. Der Tisch ist also von einer virtuellen Idee in die Realität gehoben worden. Dieses Vorgehen hält allerdings keine allzu großen Überraschungen bereit, denn eigentlich steht das Ergebnis ja schon vorher fest. Das Ziel von Handwerk ist eine möglichst wiederholbare und exakte Umsetzung einer virtuellen Vorgabe, denn es hat sich bewährt, ein Haus oder einen Tisch zunächst zu planen, zu berechnen und dann erst umzusetzen.

Aktiv-kreative Prozesse können grundsätzlich sehr nah oder sehr weit entfernt der Handwerker-Analogie sein. In der Regel hat jedoch auch der Künstler zunächst eine „Idee“, ein Modell, das er umsetzen will. Mit zunehmender Ausgestaltung und Beschäftigung mit der Idee, verliebt sich aber sein Ego in die mentale Vorgabe. Und je mehr eine mentale Vorlage erdacht wurde (und nicht intuitiv erfasst), desto mehr identifiziert sich das Ego mit der Vision. Denn Denken ist eine Eigenschaft des Egos ... Das Ego hält erdachte Produkte für „seine“. Mit dieser Identifikation fühlt sich das Ego der Idee verpflichtet und sorgt im Beginn des aktiv-kreativen Prozesses für eine möglichst exakte Umsetzung der Idee. Anders gesagt: Das Ego ist eher ein Handwerker und Kopist. Doch je expressiver, dynamischer und unwegsamer der Umsetzungsprozess der Vision wird, desto mehr tauchen Wendungen und neue Impulse auf, die das Ego bekämpfen muss. Denn das Ego empfindet sie als grobe Störungen auf seinem Weg zur exakten Umsetzung der geistigen Vorlage. Doch um die Ebene des Handwerks zu verlassen und zum Künstler zu werden, muss die Vision des Egos überwunden werden. Dieser Prozess ist immer schmerzhaft, denn das Ego verteidigt mächtig „seine“ Idee. An dieser Stelle das Ego loszulassen, die Kontrolle aufzugeben und sich unbewussten Kräften oder der Intuition anzuvertrauen, ist aber die Nahtstelle zu echter Kreativität. Dies ist der viel zitierte „Ego-Tod“ der Kreativen, der Prozess, den Joseph Beuys als „Ich-Konfrontation“ bezeichnet hat. Er erfordert großen Mut, denn im Gegensatz zu bewährtem Handwerk, birgt das Betreten von expressivem Neuland immer die Möglichkeit des Scheiterns. Doch die Möglichkeit des Scheiterns ist nun mal der Preis für echte (Neu-)Schöpfungen. Der wirklich kreative Künstler muss also bereit sein, seine ursprüngliche Vision zu überwachsen. Er muss offen und wach bleiben für Hinweise, Wendungen und Neues.
Das Ego ist der Anteil, der für den ästhetisierenden Prozess verantwortlich zeichnet. Es überwacht die Brauchbarkeit des Werkes für die ästhetische Welt. Das Ego entspricht dem Ich-Anteil, mit dem sich der Künstler identifiziert und mit dem er nach draußen in die Welt tritt. Das Ego möchte gefallen. Und so manche innere  Wahrheit könnte diesem Gefallenwollen gefährlich werden ...
Dagegen steht das Unbewusste für das rauschhaft expressive Element im kreativen Prozess. Es sucht Grenzen zu überwinden und Konventionen zu sprengen. Das Unbewusste ist der Teil im kreativen Prozess, der sich aus Sicht des Egos verplappert und Geheimisse preisgibt. Es ist der unerhörte Teil, den das Ego als Exhibitionisten bekämpft. Doch genau dieser Teil sorgt auch für einen höheren Expressionsgrad des Werkes. Gewinnt nun ein Pol an Übermacht, wäre das Werk beispielsweise hyperexpressiv, leidet das Ästhetische. Ist ein Werk jedoch zu angepasst ästhetisch, leidet die Expressivität. Ein um Ganzheitlichkeit bemühter Künstler surft auf schmalem Grat zwischen zielgerichtetem, ästhetischen Handeln und expressivem Überwinden von Grenzen. Der Grat, auf dem dieses „absichtslose Wollen“ geschieht, ist sehr schmal:
Auf der einen Seite des Grates lauert Beliebigkeit (wenn sich der Künstler zu sehr im expressiven Prozess verliert und jedem beliebigen Impuls folgt). Auf der anderen Seite des Grates lauert Wiederholung des Bewährten (wenn der Künstler sich zu sehr an ästhetisches Handwerk klammert). Der kreative Konflikt zwischen ästhetisierenden und expressiven Kräften kann so schmerzhaft werden, dass es kaum verwundert, dass Künstler versuchen, ihm ganz auszuweichen.
Friedrich Nietzsche beschrieb in seiner „Geburt der Tragödie“, diese dualen Kräfte als dionysisches und apollinisches Prinzip. Das expressionistische, dionysische Prinzip geht auf den griechischen Gott Dionysos zurück. Er ist der Gott des Rausches, der Freude und der Zügellosigkeit. Im Rausch überwindet er Grenzen und steht damit gegen alles Konventionelle. Im Gegensatz dazu steht das apollinische Prinzip für die in Form gebrachte, ästhetische Seite der Kunst. Dieser Aspekt ist angepasster, verdaulicher und harmonischer. Erst im Zusammenwirken der beiden Antipoden sieht Nietzsche wahre Kunst entstehen.
Auf Dionysos, als Gott der expressiven Kräfte, komme ich gleich noch einmal zurück, wenn es um die dritte Variante kreativer Bypässe geht, den süchtigen Künstler. Denn nicht umsonst erhält der griechische Gott Dionysos den römischen Beinahmen Bacchus, also „Gott des Weines“ ...
Den Kampf zwischen Ego und Unbewusstem habe ich in obigem Beispiel natürlich nur der Einfachheit halber und exemplarisch an die Ebenen mentaler Prozess (Denken = Ego) und aktiver Umsetzungsprozess (Intuition = Unbewusstes) gekoppelt. Für einen expressiven Maler wie mich gilt dieses Beispiel so ja auch. Selbstverständlich besteht dieser Konflikt zudem auch noch innerhalb eines mentalen Prozesses. Hier sind dieselben Kräfte wirksam, Ego und Intuition, stehen sich auch hier gegenüber. Und natürlich gibt es auch auf der mentalen Ebene ein „virtuelles Handwerk“, an das sich der Künstler klammern kann und mit dem sich sein Ego identifiziert. Bestes Beispiel wäre der Schriftseller, der scheinbar ja nur „mental“ arbeitet und auf den ersten Blick keinen Unwägbarkeiten eines aktiven Umsetzungsprozess ausgesetzt ist. Doch tatsächlich durchleidet er dieselben kreativen Konflikte zwischen Expression und Anpassung, oder mit anderen Worten, zwischen Ego und Unbewusstem.   
Um auf den klassischen  Handwerker-Künstler zurückzukommen: Im aktiven, kreativen Prozess vermeidet der Handwerker-Künstler sowohl die Impulse seiner Intuition als auch allzu große technische Unschärfen. Er schützt sich, indem er sich in ein starres Raster von bewährten Handlungsaufträgen und Vorgaben zwängt, die er zuverlässig abarbeitet und wiederholt. Diese Vorgehensweise lässt nur wenig Raum für das Aufsteigen unbewussten Materials. Handwerker-Künstler haben in der Regel ein hohes technisches Niveau erreicht, das sie als Schutzpanzer einsetzen – zum Preis echter Innovation. Kunst und Handwerk werden leider immer wieder verwechselt. „Kunst kommt von Können“, auf diese zu simple Aussage ziehen sich leider auch immer wieder Künstler zurück. Gerade im Bereich Realismus kenne ich Maler, die sich zu wahren (Handwerks-)Meistern ihres Fachs entwickelt haben. Den Werken fehlt für mein Empfinden dennoch oft Entscheidendes. Das Paradoxe an Kunst ist, dass sie ohne Handwerk nicht auskommt – und doch kein Handwerk ist. Ein Maler kann viele Jahre lang Malunterricht nehmen und ein großer Techniker werden – bleiben Emotion und Intuition unterentwickelt, bewegt er sich dennoch nur im angewandten Bereich. Möglicherweise wird dieser Maler ein guter Grafiker oder er bemalt Wände in Trompe-l’œil Manier. So banal es auch ist: Kunst kommt nicht allein von Können.
Handwerker-Künstler sind sehr verbreitet, sie kommen in allen Kunstsparten vor. Es gibt Handwerker-Maler, Musiker und Schauspieler. Oft wird hier die Not zur Tugend erklärt, der Handwerker-Künstler empfindet sich als besonders „gut“, trifft er so nah wie möglich eine Vorgabe (Noten, Farben, Vorlagen etc.). Beispielsweise sind Handwerker-Pianisten präzise und verlässlich, aber ihr Spiel hat den Charme eines mechanischen Pianos. Kunstsparten, die kollektiver und hierarchischer organisiert sind als bildende Kunst, arbeiten eigentlich recht gern mit  Handwerker-Künstlern, denn es sind keine Solisten. Deshalb gibt es unter Studio- oder Orchestermusikern und in der Film- und Theaterindustrie eine ganze Menge davon. In der bildenden Kunst schließen sich Handwerker-Künstler oft zu Gruppen zusammen, um ein riesiges Wandgemälde zu vollenden oder zu sonstigen gemeinschaftlichen Realisationen, bei denen vor allem Handwerk und Verlässlichkeit zählen. [Diesen Artikel weiterlesen in: Die Heldenreise des Künstlers]

© Raymond Unger

Zitat

„Ein Künstler sollte gesellschaftliche Verantwortung übernehmen und für Menschenrechte und Humanität aktiv einstehen.“

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