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Kunstansatz pro (Selbst-)Begegnung – contra Zynismus

Edgar Leissing
Frank Christopher Schroeder
Heiko Tiemann
Angela Rohde
Rolf Ohst
Raymond Unger
Uwe Fehrmann
Ralf Scherfose
Kerstin Arnold

Künstlerarmut

Das durchschnittliche Netto-Künstler-Jahreseinkommen lag 2010 bei 10.000,- Euro, das sind 833,- Euro pro Monat (Angabe Künstlersozialkasse). Damit lag es nur knapp über Hartz-IV-Niveau. Für die meisten authentischen Künstler, die ich kenne, ist diese Statistik geschönt. Und je älter der Künstler wird, desto offensichtlicher wird ein Leben jenseits aller sozialen Standards. Über die derzeitige Diskussion über die Sicherheit von Renten und Spareinlagen können authentische Künstler nur müde lachen. Denn Themen wie Rente, Lebensversicherungen, Grundbesitz oder gar Spareinlagen laufen an der Realität dieser Künstler völlig vorbei. Anstelle von Absicherungen und Spareinlagen ist das Künstlerdasein von Armut, wenn nicht gar Verschuldung gekennzeichnet. Dabei wird die Kluft zum normalen Mittelstand, bei dem sich in der Regel ab der Lebensmitte soziale Absicherung und Besitz summiert haben, natürlich immer breiter, je älter die Künstlerin oder der Künstler wird. Deshalb ist es für jeden Künstler ein himmelweiter Unterschied, ob er ein Mangel-Künstlerleben mit 25 oder mit 50 Jahren führt. Besonders der gealterte Künstler erlebt eine studentische Lebensart ohne Komfort und Sicherheit im Vergleichsrahmen Gleichaltriger als schwerwiegende Kränkung.

Im Berufsverband des BBK Berlins, in dem ich aktiv tätig bin, sind ausnahmslos Akademiker oder anerkannte Berufskünstler organisiert. Dennoch beziehen 70 Prozent der Verbandskollegen zumindest interimsweise Hartz IV. Es gilt sogar die paradoxe Logik: Insbesondere professionelle Künstler sind regelmäßig mit dem System Hartz IV konfrontiert. Denn Hobbykünstler leben ja von ihrem Hauptberuf. Aus diesem Grund besteht auch ein Großteil der Verbandsarbeit aus Support für die Hartz-IV-Problematik. Rechtlich gesehen, sind alle diese Künstler Selbstständige, doch sie leben so weit unter der Armutsgrenze, dass sie ihre Einnahmen durch Sozialleistungen aufstocken müssen. Wie jeder Aufstocker muss dann ein Künstler in Hartz-IV-Bezug jeden ein- und ausgehenden Cent belegen. Zudem gilt es, die gesamten Lebensumstände, einschließlich der Angehörigen, zu offenbaren, den Aufenthaltsort mitzuteilen, u. v. m. Zu alledem kommt die Einmischung des Sachbearbeiters in Bezug auf künstlerisch notwendige Investitionen – in Ermangelung der Kenntnis künstlerischer Realität, ein bisweilen groteskes Unterfangen.
Diese Unkenntnis ist systemimmanent: In puncto Hartz IV werden die „Kunden“ nicht nach Fachgebieten, sondern nach Buchstaben sortiert. Künstler oder Klempner – für den Sachbearbeiter macht dies keinen Unterschied. Für den erwarteten wirtschaftlichen Erfolg als Künstler werden dementsprechend auch die gleichen Kriterien angelegt. Die spätestens nach zwei Jahren erwartete ökonomische Erfolgsbilanz ignoriert jede künstlerische Realität vollständig.
Zudem sollte man von einem Sachbearbeiter des Arbeitsamtes, der sich jeden Morgen um sieben in einem acht Quadratmeter großen Büro einfindet, kein allzu großes Verständnis für den Weg der Individuation erwarten … Viel häufiger greifen hier Projektionen auf das vermeintlich „faule Künstlerleben“. Nicht selten versteht sich ein Sachbearbeiter als Anwalt der „wirklich arbeitenden“ Bevölkerung, er will Missbrauch verhindern. Natürlich gilt: Je unfreier und unzufriedener Menschen mit ihrem Job sind, desto wichtiger ist der zeitnahe Zusammenhang von Arbeitsleistung und Lohn.  Aus dieser Perspektive ist die Künstlerrealität, täglich zu arbeiten und vielleicht Jahre später (oder gar niemals ...) für diese Arbeit entlohnt zu werden, außerhalb jeglicher Nachvollziehbarkeit. Wer dies tut, ist entweder blöd oder ein Spinner. Mit Arbeit hat das jedenfalls nichts zu tun, da ist sich der unzufriedene Arbeitnehmer sicher. Ihm drängt sich stattdessen der Verdacht auf: Die Berufsbezeichnung „Künstler“ ist nur ein Feigenblatt für Drückeberger.
Künstler zu sein, um sich der Selbstwerdung zu widmen, ist für unglückliche Arbeitnehmer schon Affront genug. Wenn jetzt noch der Eindruck entsteht, dies geschehe auf Kosten der Gesellschaft, ist jegliche Toleranz erschöpft. Zur täglichen Routine der Boulevardmedien gehört das Schüren von Sozialneid und die Hasenjagd auf vermeintlich faule Hartz-IV-Empfänger. Und ein Künstler in Hartz-IV-Bezug steht in einer Schusslinie mit Migranten und Suchtkranken.
Womit ein Künstler rechnen muss, wenn in der Öffentlichkeit bekannt wird, dass er Sozialleistungen bezieht, zeigt das jüngste Bleispiel von Johannes Ponader. Als vom Künstler (Autor, Regisseur und Schauspieler) aufgrund eines öffentlichen politischen Amtes bekannt wurde, dass er Sozialleistungen bezogen hatte, wurde die Jagd eröffnet: Zunächst wurde der Künstler im Fernsehen als Nassauer vorgeführt, anschließend titelte die Springerpresse: „Hartz-IV-Pirat erschlich sich Stütze“. Was dann viele Bürger über Künstler denken, die Hartz-IV-Leistungen beziehen, konnte man anschließend im Internet lesen. Dabei wurden die Statements keineswegs anonym, sondern unter vollem Namen abgegeben, offensichtlich sind sich die Verfasser einer großen Solidarität sicher. Hier einige Auszüge der Lesermeinungen, immerhin aus der FAZ:
„Herr Ponader, suchen Sie sich einfach eine Arbeit – wie Millionen anderer Bürger auch!“
„Dieser verkrachte Student ist offenbar kerngesund. Er könnte etwa Geschirr spülen, statt als Ehrenamtlicher von anderer Leute Zwangsabgaben zu leben.“
„Primär sollte jeder Mensch in der Lage sein, sich selber zu versorgen. Niemand hat dabei daran gedacht, dass es immer Spaß machen muss. Das hat es nie, und es wird nie immer Spaß machen.“
„Er ist jung, gesund und offensichtlich auch sehr intelligent. Für so einen ist der Sozialstaat nicht da. Wenn er in Berlin nichts findet, dann möge er zurück in seine bayrische Heimat gehen. Dort gibt es Arbeit!“
Tatsächlich wäre das Thema Künstler und Sozialneid ein eigenes Buch wert. Die Tragik liegt im Verkennen der tatsächlichen Notwendigkeit und dem Nutzen von Kunst und Kultur für eine gesunde Gesellschaft. Wie kann man von einer Kulturgesellschaft die Bereitschaft für den Schutz ihres kulturellen Nährbodens erwarten, wenn alle übrigen Argumente ökonomischen Regeln folgen? Menschen einer Gemeinschaft sind durchaus solidarisch, auch monetär, vorausgesetzt, sie verstehen den Sinn und Zweck und sind empathisch involviert. Kulturelle Förderprogramme werden aber ohne die gleichzeitige Vermittlung von Nutzen und Notwendigkeit von Kunst immer auf Widerstand stoßen. Solange Kunst als Luxusgut, intellektuelle Spielerei oder „Hobby der Linken“ (Geert Wilders, niederländischer Politiker der „Partei für die Freiheit“), verstanden wird, bleibt die Bereitschaft zur Unterstützung von Künstlern sicherlich gering. Nur ausnahmsweise und temporär dämmert es einer Kulturnation, was sie an ihren Künstlern hat:
„Dieser Bauch entstand mit freundlicher Unterstützung des Fonds für Bildende Künste“, hatte sich der Holländische Künstler Marc Bijl (Jg. 1973) einst auf seinen Bauch tätowieren lassen. Offenbar war er sehr dankbar für eine Zeit, in der Holland jedem ernsthaften Künstler automatisch das Auskommen mit 800,- Euro im Monat absicherte. Hierfür war kein Betteln nötig oder gar eine Umetikettierung beim Sozialamt, es reichte, ein ernsthafter Künstler zu sein. Bijl, der inzwischen viel Geld verdient, musste, nachdem das Fördersystem für Künstler wieder abgeschafft wurde, zunächst doch noch Sozialleitungen beantragen. Der Kontrast und die Ignoranz zum vorigen System war allerdings krass:
„Zuerst habe ich es mit Sozialhilfe versucht. Aber da rief mich jeden Monat jemand an, der von Kunst keine Ahnung hatte, und fragte, ob ich denn jetzt endlich Arbeit hätte.“ (Artikel „Eine Generation von Subventionsjunkies?“, Kunstzeitung Juni 2006)
Die Zeit der holländischen Kunstfonds war der ernsthafte Versuch einer Kulturnation der Verantwortung gerecht zu werden, auch in Zukunft eine Kulturnation bleiben zu wollen. Zur holländischen Kulturförderpraxis schreibt Andreas Gebbink, Niederlande-Korrespondent der Neue-Ruhr-Zeitung:
„Der Staat (die Niederlande, Anm. R. U.) sieht sich als Förderer und Bewahrer der Hochkultur. Jener Kultur, die kein Massenpublikum erwarten darf und trotzdem wichtiger Ausdruck einer Kulturnation ist.“ (Andreas Gebbink, „Niederländische Kulturpolitik“ 2008)
Ein Kulturbeitrag, der „kein Massenpublikum“ erwarten darf, ist allerdings so gut wie nie ökonomisch tragfähig ... Würde man in der Kunstwelt nur Beiträge als wertvoll erachten, die sofort Geld einbringen, wären die Museen und Kunstsammlungen dieser Welt ziemlich leer (bzw. es würde hier wohl vorwiegend Kitsch zu sehen sein). Für Kunst und Kultur ist es wesensfremd bis absurd, Relevanz und Qualität ausgerechnet aus ökonomischem Erfolg ableiten zu wollen. Basis-Kunst rechnet sich daher wirtschaftlich nie. Eine Kulturgesellschaft muss sich daher immer die Frage stellen, wie sie mit dem Humus ihrer Kultur umgehen will. Nimmt sie ihren Kulturanspruch wirklich ernst, so müsste sie Künstler ebenso fördern wie Familien. Denn so wie die Familie als Keimzelle der ökonomisch-sozialen Basis einer Gesellschaft unterstützt wird, müsste auch der Künstler, als Keimzelle der kulturellen Basis einer Gesellschaft, Unterstützung erfahren.
Dass der Prozess der kreativen Individuation gerade kein hermetisch egoistischer, sondern im Gegenteil, ein für die Gemeinschaft höchst segensreicher Prozess ist, wird an späterer Stelle noch deutlich. Vordergründig gewinnbringend und in aller Munde sind jedenfalls die viel zitierten „Leistungsträger der Gesellschaft“. Besonders Politiker buhlen um deren Gunst. Gemeint sind damit Personengruppen, welche die Gesellschaft durch ihre ökonomische Leistung tragen. Es ist der viel zitierte Mittelstand, der nicht nur sich selbst und seine Familie ernährt, sondern darüber hinaus Sozialabgaben und Steuern zahlt, um damit Bedürftige und Schwache innerhalb der Solidargemeinschaft zu stützen. Immer, wenn von Leistungsträgern die Rede ist, wird im Stillen die Gegenseite mitgedacht: Es gibt also die, die geben und die, die nehmen. Und ein Künstler, sofern er alimentiert wird, scheint offensichtlich auf der Nehmerseite zu stehen ...
Ist das wirklich so? Schaue ich mir die Leistungen der Berliner Kunstszene an, bedarf es meiner Meinung nach dringend einer Differenzierung des Begriffs Leistungsträger. Zunächst müsste man dem „ökonomischen Leistungsträger“ den „kulturellen Leistungsträger“ gegenüberstellen. Und kulturelle Leistungsträger sind, ebenso wie ökonomische, selbstverständlich auch Geber der Gesellschaft. Denn Künstler geben ihrer Gesellschaft überaus viel; wie hart und arm Gesellschaften ohne freie Kunst werden, kann man ja regelmäßig in totalitären Systemen beobachten. Und weil dies so ist, genießt freie Kunst auch einen besonderen Schutz durch das Deutsche Grundgesetz. Die Berliner Künstler sorgen für eine einzigartige kulturelle Szene mit inzwischen weltweiter Beachtung. Mit offenen Ateliers, Produzentengalerien, Gallery-Weekends, Messen, Kunst im öffentlichen Raum, Performance, Musik- Film- und Theaterszene haben sie dafür gesorgt, dass aus einer ehemaligen Provinz- eine Weltstadt wurde (kulturell gesprochen). Denn kulturell rangiert Berlin heute mindestens in Augenhöhe mit New York, London und Paris. Doch selbst unter ökonomischen Gesichtspunkten betrachtet, wird schnell klar: Mit dem Image als Kulturhauptstadt Europas verdient Berlin sehr viel Geld. Kunst und Kultur sind überaus wichtige Motoren der Berliner Tourismusindustrie. Trotzdem und ungeachtet dieser Tatsache, bezieht der Großteil der kulturellen Leistungsträger Berlins Hartz IV … Und die Scham und das Schweigen der Künstler über diese Tatsache machen die Hermetik komplett.
Bevor ich das Thema Sozialneid abschließe, möchte ich eines nicht unerwähnt lassen: Manchmal sind die Vorwürfe, die Berufsbezeichnung Künstler zu missbrauchen, um sich von der Gesellschaft alimentieren zu lassen, auch wahr. Eine Beurteilung der Produktivität von Künstlern scheint schwierig und manche Menschen geben tatsächlich nur vor, kreativ zu sein, in Wahrheit verschleiern sie aber ihre Lebensblockade. Ich glaube aber, dass es klare Kriterien gäbe, um ernsthafte und produktive Künstler von Pseudo-Künstlern zu trennen – wenn man es wirklich wollte. Ich bin seit etlichen Jahren Juror der Aufnahmekommission des BBK Berlin und mit eben diesen Kriterien vertraut. Und nach meiner Erfahrung erkennt man ernsthafte und wirklich aktive Künstler recht schnell. Künstler unter Generalverdacht der Drückebergerei zu stellen, hat allerdings einige Vorteile: Man muss die Diskussion um Verantwortung und Finanzierung von Kunst und Kultur gar nicht erst führen. [Diesen Artikel weiterlesen in: Die Heldenreise des Künstlers]

© Raymond Unger

Zitat

"Kunst dient der Erkenntnis, nicht der Unterhaltung, der Verklärung oder dem Spiel. Das Suchen nach dem eigenen Selbst ist der ewige, nie zu übersehende Weg, den wir gehen müssen."

Max Beckmann

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