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Kunstansatz pro (Selbst-)Begegnung – contra Zynismus

Heiko Tiemann
Ralf Scherfose
Frank Christopher Schroeder
Rolf Ohst
Angela Rohde
Uwe Fehrmann
Raymond Unger
Edgar Leissing
Kerstin Arnold

Kunstmarkt

Allgemein steht die Kunstmarktszene in dem Ruf, ein Jahrmarkt der Eitelkeiten zu sein. Ich halte es für möglich, dass sich hier tatsächlich mehr Menschen mit narzisstischen Persönlichkeitsstörungen finden als anderswo. Denn zwischen durchaus seriösen Profis habe ich im Kunstbetrieb wiederholt Menschen getroffen, die gelernt haben, dass sich das eigene Ego in einer Mangel-Atmosphäre besonders gut aufpolieren lässt. Dem riesigen Heer bedürftiger Künstler steht nur eine Handvoll echter Sammler, Kuratoren und Galeristen gegenüber. Und in jedem Mangelsystem sind diejenigen, die Rettung versprechen, kleine Götter. Künstler brauchen nichts mehr als Wahrnehmung und Geld. Und jedem, der dies verspricht, ist ungeteilte Aufmerksamkeit sicher ... Wer ein bedürftiges Ego hat und mitbekommt, wie die Protagonisten der Kunstmarktszene (Sammler, Galeristen, Kuratoren etc.) hofiert werden, findet eine mit diesen Berufen assoziierte Rolle schnell attraktiv. In der Kunstszene gibt es deshalb etliche Pseudo- und Möchtegern-Sammler, -Galeristen und selbst ernannte Kuratoren, die sich auf Kunstmessen, Vernissagen und Atelier-Rundgängen von Künstlern, Veranstaltern und Journalisten hofieren lassen. Bewaffnet mit rotem Schal, Kamera und Kunstkatalogen lassen sich diese „Sammler“ oder „Kuratoren“ in Ateliers einladen, in Verteiler einbinden und mit teuren Katalogen versorgen. Die weitaus größte Inflation betrifft derzeit den Beruf des Kurators. Mittlerweile wimmelt die Kunstszene derart vor selbst ernannten Kuratoren, dass hier die Verwendung des Spruchs „Wer nichts wird, wird Wirt“ in „Wer nichts wird, wird Kurator“ umgemünzt wurde. Ein Kurator kann alles sein – oder nichts. Doch in Ermanglung jeglicher Kriterien und angesichts seines hohen Ansehens, avancierte der Beruf zu den Top Five urbaner Traumberufe:

„Der Kurator ist heute das, was vor langer Zeit einmal der Regisseur, der Poet oder der bildende Künstler selbst war: der Traumberuf der jugendlichen Avantgarde.“ (Tobias Timm: „Die Macht der Geschmacksverstärker“ in „Zeit online“)
Die Auswahl und Präsentation von Kunst wird allerdings von jeher als eigene Kunstform zelebriert und oft steht der Duktus der Veranstalter dem eines narzisstischen Künstlers in nichts nach. Bei etlichen Veranstaltern drängte sich mir der Verdacht auf, dass es sich um den klassischen Künstler in der Abwehr handelt. Das Kuratieren der Kunst anderer, anstatt selbst Kunst zu machen, hat einen großen Vorteil: Das Spielen über Bande und aus der Deckung heraus umgeht den eigenen, mitunter sehr schmerzhaften Kunstprozess.   
Aufgrund der Inflation klassischer Kunstmarktberufe (Galerist, Kurator etc.) sind Schwätzer und Wichtigtuer von echten Profis natürlich schwer zu unterscheiden. Und dies will jungen Künstlern nicht immer gelingen. So verschenken viele Künstler ihre Aufmerksamkeit und Energie an Menschen, die damit lediglich ihr Ego pampern.
Der seriöse, etablierte Kurator oder Galerist ist nun wiederum sehr bemüht, es seinerseits ebenfalls mit Profis zu tun zu haben. Für ihn gibt es kaum etwas Peinlicheres, als der malenden Zahnarztfrau aufzusitzen – wehe dem, der einen Hobbykünstler nicht erkennt ... Da dies allein anhand der Werke nahezu unmöglich ist, schützt sich die Szene durch überaus starke Formalien. Dabei ist der Kunstmarkt, wie jeder Markt, auf die Definition der Werte angewiesen, die gehandelt werden sollen. Wie also kann man den Wert eines Kunstwerkes ermitteln? Und dies, zumal im Freiheitskampf der Kunst zwangsläufig auch jeglicher Wertediskussion (in Bezug auf Qualität, Handwerk oder anderer diskutabler Parameter) eine Generalabsage erteilt wurde. Ein gutes Beispiel für die Schwierigkeit, Kunst zu bewerten, ist die Arbeit von Jurys. Da ich selbst Juror bin und viele Juroren kenne, ist mir die Vorgehensweise recht gut bekannt. Die wenigsten Jurys werten „blind“, also haben nur das Werk vorliegen, jedoch keine Namen und keine Vita der Bewerber. Im Prinzip wäre das fair, denn tatsächlich soll ja ein Werk und nicht der Werdegang einer Person bewertet werden. Die Realität sieht jedoch vollkommen anders aus. In der Regel schielen Juroren als Erstes auf die Vita, bevor sie sich äußern. So erklärt sich auch das Phänomen, der sich selbst bestätigenden Expertisen. Es fällt auf, dass stets dieselben Preisträger mit Preisen überhäuft werden und Stipendiaten mit Stipendien – denn was eine Jury zuvor absegnete, kann auch heute nicht so falsch sein. Immerhin sind alle Juroren einem Träger oder einer Organisation verpflichtet, ihr Handeln zu rechtfertigen (oftmals werden ja öffentliche Gelder verteilt). Und aus Angst, eigene Kriterien verargumentieren zu müssen, geht man gern auf Nummer sicher.
Wenn die Kriterien über das gehandelte Produkt ungreifbar sind, werden natürlich Kontext der Werke und die Person des Künstlers umso wichtiger. Deshalb, und aus dem Abwehrreflex gegen die Laienschaft, legt der Kunstmarkt in Bezug auf Formalien wie Vita und Expertisen allergrößten Wert. Dabei übersteuert der Kunstmarkt konservativer als freie Märkte, er wird paradoxer Weise sogar zur Antithese des postmodernen Kunstideals, der Autonomie. Am Beispiel der Kunstbewerter wie „artfacts“ oder „art-report“ wird deutlich, dass der Kunstmarkt seine Wertekriterien ausschließlich über Formalien generiert. Im Artist Ranking, einer börsenähnlichen Messkurve, wird der Wert eines Künstlers festgesetzt. Es wird tatsächlich der Wert des Künstlers ermittelt. Sekundär ergeben sich daraus die Werte der Kunstwerke. Nach einem ausgeklügelten System werden Punkte vergeben für Studium, Preise, Stipendien, namhafte Ausstellungsorte, Sammlungs- oder Museumsankäufe. Künstler ohne Markterfahrung verstehen oft nur zögerlich, dass die tatsächliche Qualität ihrer Werke nur marginale Bedeutung hat. Es gibt praktisch keine berühmten bildenden Künstler (von wenigen Ausnahmen abgesehen), die nicht den Aufstieg über diese Formalien-Treppe genommen hätten. Und eine wesentliche Stufe auf dieser Treppe ist die Profigalerie. Googelt man das Portfolio der 40 relevantesten Galerien Deutschlands, so verwundert es nicht, dass sich hier fast nur stereotype Wunschkandidaten des Marktes finden: Der akademische, männliche, junge Meisterschüler, der zudem erste Stipendien oder Preise gewonnen hat.
Dabei sind dies nur die Grundvoraussetzungen, bevor sich potente Galeristen für das eigentliche Werk interessieren. Natürlich sollte zudem das Werk eine Qualität haben, originär sein, konsequent sein, zum Sammlerprofil und zum Kunstzeitgeist passen, denn natürlich gibt es wie in jedem Markt auch Moden. (Allein seit meiner Zeit in Berlin hat es drei bis vier Modewellen gegeben: Konzept, Skulptur, Foto und Malerei wechseln sich ab.) Weiterhin sollte sich die Persönlichkeit des Künstlers aufbauen lassen, er sollte den gegebenenfalls eintretenden Hype um seine Person aushalten und vor allem weiter bedienen können. Dies und noch so einiges mehr bedenkt der Profigalerist, bevor er sich auf die Vermarktung eines Künstlers einlässt. Denn er weiß, dass das Platzieren eines Künstlers am Markt mit der Schaffung einer Marke vergleichbar ist. Der Grund für die Sorgfalt des ersten Händlers ist der Tatsache geschuldet, dass er auch das höchste Risiko trägt. Denn er ist es, der den Künstler für seine Sammler aufbaut und in der Regel ist das mit finanziellen Vorleistungen verbunden. Der erste Galerist zahlt die Werbung, Kataloge und Kunstmessen aus eigener Tasche, Investitionen von vielen Tausend Euro. Was, wenn nun der Künstler, ein Quereinsteiger, plötzlich in eine Sinnkrise gerät und doch wieder zu seinem Vorberuf zurückkehren will? Oder die weibliche Künstlerin plötzlich schwanger wird und ihr Mutterglück entdeckt? Oder was wäre, wenn der Künstler schlichtweg zu alt ist, um möglichst lange und kraftvoll den Markt bedienen zu können? Denn natürlich wünscht sich jeder Sammler möglichst junge Künstler mit viel Zeit zur „künstlerischen Entwicklung“ – was nichts anderes heißt als viel Zeit für eine hohe Rendite ... In all diesen Fällen würde der Galerist auf seinen Investitionen sitzen bleiben und deshalb werden derartige Risiken in der Regel von vornherein ausgeschlossen. Was dies für die Antithese obigen Wunschprofils heißt, ist klar: Eine ältere, autodidaktische, weibliche Quereinsteigerin kommt im relevanten Kunstmarktbetrieb praktisch nicht vor – ganz egal, wie gut ihre Werke auch sein mögen.
Der Löwenanteil nicht-marktfähiger Akademiker (Autodidakten sowieso) stellt dagegen im Kunst- und Kulturlädchen an der Ecke aus, in einem Kunstcafé oder im Krankenhaus, bei Ärzten oder in Bankfilialen. Oder, sofern die Kunst dekorativ genug ist, in Möchtegern-Galerien, die in Wirklichkeit verkappte Kunsthandwerk-, Buch- und Geschenkelädchen sind. Dabei haben auch Künstler mit Akademieabschluss nur ein kurzes Zeitfenster, in dem ihr Studium einen Marktvorteil bietet. Denn können sie nicht beizeiten mit Stipendien, Preisen und einer namhaften Galerievertretung aufwarten, liegen sie in puncto Erfolglosigkeit gleichauf mit den Autodidakten. Diese wiederum bemühen sich zudem noch um ein bisschen Würde und Anerkennung, indem sie Organisationen wie den Künstler-Berufsverbänden die Bude einrennen, in der irrigen Hoffnung, eine Mitgliedschaft würde irgendetwas an ihrem Schicksal ändern.
Der fast schon dramatisch zu nennende Abwehrreflex gegen das Autodidaktentum scheint allerdings tatsächlich ein Spezifikum für bildende Künstler (und vor allem in Ländern wie Deutschland und Österreich) zu sein. Andere Kunstsparten leiden nicht ganz so sehr unter formalen Ausschlusskriterien. Für die Vermarktung eines Jazzmusikers ist es ziemlich irrelevant, ob er Musik studiert hat oder ob er Tellerwäscher war – entscheidend ist die Qualität seiner Musik. Autoren haben nur manchmal Literatur oder Germanistik studiert und eigentlich interessiert dies auch niemand (das gilt sogar für Nobelpreisträger). Und auch für Schauspieler ist es für den Markt ziemlich irrelevant, ob es sich um einen „studierten Schauspieler“ handelt oder nicht. In all diesen Kunstsparten entscheidet vorrangig die Qualität des Werkes über den Erfolg. Im etablierten Kunstgeschäft der bildenden Künste entscheiden jedoch zunächst einmal Studium, Kunstpreise und Stipendien darüber, ob man dem Werk überhaupt eine Chance zur Wahrnehmung einräumt. Dabei sind derartige Marktanforderungen für bildende Künstler völlig paradox. Denn auf der einen Seite gibt es ja nach wie vor das Künstlerideal des autonomen Outsiders, der sich in keine Normen pressen lässt. Auf der Internetstartseite der Universität der Künste Berlin stand bis vor Kurzem völlig zu Recht: „Kunst ist nicht lehrbar, sie kann nicht mit einer wissenschaftlichen Methode vermittelt werden. Grundlage der Lehre ist deshalb die künstlerische Praxis.“
 Anders gesagt: Hier kann man zwar Handwerk erlernen, aber niemand wird eine Akademie automatisch als Künstler verlassen, weil er Kunst studiert hat. Man kann keine Künstler ausbilden, züchten oder machen. Ein Künstler ist entweder bereits Künstler, bevor er studiert – oder er wird niemals Künstler sein, auch nicht nach einem Kunststudium. Und im Prinzip weiß das auch jeder.

Zur Situation an den Kunstakademien äußert sich der ehemalige Dekan der Düsseldorfer Akademie, Prof. Markus Lüpertz:
„Wir haben in der bildenden Kunst heute viele Leute, die eine einmal gefundene Idee vervielfältigen, das geht dann bis auf Tassen und Schlipse ... […] Das sind die, die Malerei oder bildende Kunst als ein Produkt verstehen. […] Ich komme aber aus einer anderen, einer faustischen Tradition. Wir sind diejenigen, die begreifen wollen, wie die Welt sich zusammenhält. Nach meiner 38-jährigen Tätigkeit als Professor muss ich eigentlich sagen, dass ich gescheitert bin. […] Ich konnte nichts vermitteln, was die Malerei in den Schülern weitergebracht hat. Sie sind alle übergelaufen. Wenn sie heute in die Akademien sehen, dann sind das Kreativitätsbuden mit Einfalltspinseln, die irgendwelche Geschichten erfinden, irgendwelche Sachen umstoßen, Scheiben zerschlagen, an die Wände was nageln … Aber die wirklich zauberhafte Disziplin des Bildermalens, die konnte ich nicht mehr vermitteln.“ (Prof. Markus Lüpertz, NDR Talk Show 3nach9, 19. April 2013. Lüpertz war von 1988 bis 2009 Rektor an der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf.) [Diesen Artikel weiterlesen in: Die Heldenreise des Künstlers]

© Raymond Unger

Zitat

"Das Unbewusste will Wahrheit. Es hört auf, zu denen zu sprechen, die etwas anderes dringlicher wollen als Wahrheit."

Adrienne Rich

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